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Die Spielregel

La règle du jeu. F 1939. R,B: Jean Renoir. K: Jean-Paul Alphen, Jean Bachelet, Alain Renoir u.a. S: Marthe Huguet, Marguerite Renoir. M: Pierre-Alexandre Monsigny, Wolfgang Amadeus Mozart. P: Nouvelles Éditions de Films. D: Nora Gregor, Paulette Dubost, Mila Parély, Odette Talazac, Claire Gérard, Anne Mayen, Lise Elina u.a.
110 Min.

Wie der Vater, so der Sohn

Von Frederik König Der Vater des französischen Regisseurs Jean Renoir war der impressionistische Maler Pierre-Auguste Renoir, der aus einer Familie der Arbeiterklasse stammte. Mit Maltechniken, Motivwahl und Bildinhalten verstießen Renoir und seine impressionistischen Kollegen gegen alle Konventionen der bürgerlichen Salonmalerei ihrer Zeit. In seinen Bildern lehnte Renoir als „Impressionist“ nicht nur den angestrebten Fotorealismus der Zeitgenossen ab, sondern begann auch in der Art der Motive Einblicke in das Leben der zeitgenössischen bürgerlichen Gesellschaft zu geben, indem er entlarvte und freizügige Szenen zeigte. Renoir nutzte das Medium der Malerei nicht mehr nur, um zu unterhalten, abzubilden und „Schönes“ zu produzieren, sondern drückte mit den Bildern seine eigene kritische Sicht auf die Welt, den Menschen und seine Umwelt aus.

Genau wie sein Vater war auch Jean Renoir jemand, der schon in einem seiner ersten Tonfilme Boudu – aus den Wassern gerettet (1932) durch den genauen Blick auf die zeitgenössische französische Gesellschaft seinem Erzählkino auf impressionistische Art und Weise immer eine Prise kritischer Seitenhiebe und Subtexte verpaßte. In Die Spielregel (1939) entwickelte er dieses Stilmittel noch weiter. Er legte die Handlung und ihre Figuren so an, daß der Film wirkt, als hätte man ein paar bürgerliche französische Laborratten mit ein paar gemeinen Hausmäusen gemischt, in ein Labyrinth gesetzt und mit der Kamera zugeschaut, was für ein Chaos dabei entsteht. Zunächst laufen alle den richtigen Weg entlang, bis sich eine der Feldmäuse in eine der edlen Laborratten verliebt und auch die anderen Ratten langsam geil aufeinander werden: Bald klettern die Nager über die Wände und machen, was sie wollen, hilflos ihren Emotionen und Trieben ausgesetzt. Und genau darum geht es zunächst einmal bei Die Spielregel: Ein Haufen Großbürgerlicher und Adliger fährt fürs Wochenende aufs Land zur Jagd und nimmt zum Amüsement einen jungen Helden mit, der gerade einen Transatlantikflug hinter sich hat. Der Mann stammt aus niederem Geschlecht, ist aber in eine der reichen Damen verliebt. Es beginnt ein Liebestreiben, bei denen alle krampfhaft versuchen, die gesellschaftlichen Konventionen und ihre »Spielregel«

Jean Renoir selbst spielt als Octave eine der zentralen Figur in Die Spielregel. Er ist der große, beliebte und stets gutmütige Mittler, der den jungen Helden in die Gesellschaft einführt und ihm helfen will, seine große Liebe zu erobern. Es ist interessant zu beobachten, wie der Regisseur selbst als Figur auftaucht, um als Deus ex Machina den Schicksalen seiner Figuren beizuwohnen und sie manchmal sogar ein bißchen zu beeinflussen. Gerade dies macht diesen Film, der trotz des kritischen Untertons bestes Erzählkino ist und einen äußerst humanistischen Glauben an den Menschen zur Grundlage hat, so brillant: Renoir, der seinen Figuren die Spielregeln als Regisseur vorgibt, zeigt sich selbst als Teil dieser Gesellschaft. Wie sympathisch und uneitel diese Art von künstlerischem Selbstverständnis im Vergleich zu vielen seiner Zeitgenossen ist, kann man nur erleben, wenn man sich von diesem filmischen Meilenstein begeistern läßt. Dann wird auch klar, warum der Vergleich mit den Labormäusen eigentlich falsch ist: Denn Renoir zeigt, daß ein Künstler oder Filmemacher nicht der Mann im weißen Kittel ist, der evolutionär über den Tieren stehend seine Beobachtungen macht und wieder gibt. Sondern daß er genauso graumäusig durch das Labyrinth läuft wie alle anderen. Renoirs Film ist wie die Bilder seines Vaters eine Medizin für diejenigen, die meinen, sich in eitlen, affektierten oder verkopften Posen außerhalb der »gewöhnlichen« Gesellschaft positionieren zu müssen. Er zeigt, ohne sich zu distanzieren. Er entlarvt, ohne zu verzerren. Und am Ende bleibt dennoch der Ausdruck eines höchst humanistischen Geistes. 2011-03-26 14:15
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