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Es war einmal

La belle et la bête. F 1946. R,B: Jean Cocteau. K: Henri Alekan. S: Claude Ibéria. M: Georges Auric. P: Discina. D: Jean Marais, Josette Day, Mila Parély, Nane Germon, Michel Auclair, Raoul Marco, Marcel André u.a.
96 Min.

Die Welt hinter der Welt

Von Frederik König Für den Filmtheoretiker Siegfried Kracauer unterteilten sich die Filmschulen seiner Zeit in eine Bewegung, die an die Realität glaubte, und eine andere, die an das Bild glaubte. Während für ihn die erste Gruppe versuchte, durch möglichst ungestellte, authentische Aufnahmen den Wert der Realität durch die Kamera zu entdecken, zu fixieren und aufzuzeigen, stand die andere Sorte Regisseure besonders für die großen Manipulateure der »Traumfabrik«, die die Rohmasse aus der Realität nur nutzten, um sie nach ihrem Willen zu einem einzigen, durchinszenierten audiovisuellen Ausdruck ihrer Fantasie zu komponieren. Sie standen nach Kracauer der Malerei und ihrem schöpfenden Charakter wesentlich näher als die dem fotographischen Medium zuzuordnenden Anhänger der ersten Bewegung. Aus diesem Grund ordnete Kracauer auch den französischen Surrealisten, Maler, Dichter und Schriftsteller Jean Cocteau in die Gruppe von Regisseuren ein, die ihren schöpferischen Willen durch die Neuanordnung im Bilde ausdrückten.

Jean Cocteau war jedoch niemand, der einer solchen Unterscheidung ein- oder unterzuordnen wäre. Mit seinem Werk bewegte er sich eher zwischen den beiden Schulen und versuchte, über die Tricks des Films die Welt hinter der Welt sichtbar und erfahrbar zu machen. Er nutzte somit seinen Glauben an das Bild, um seinen poetischen Gefühle für die Realität Ausdruck zu verleihen. Um diesen Ausdruck sichtbar zu machen war es notwendig, der Realität, so wie er sie mit der optischen Apparatur der Kamera sah, etwas hinzuzufügen. Zu diesem Zweck bediente er sich des vollen Repertoires an Ausdrucksmöglichkeiten im Film und griff auch immer wieder auf foto-optische Tricks wie Doppelbelichtung zurück, mit denen er schon in einem seiner surrealistischen Erstlinge Das Blut eines Poeten experimentiert und sie erprobt hatte.

Es war einmal aus dem Jahre 1946 erzählt eine Variation des allseits bekannten Märchens von »Die Schöne und das Biest«, die wohl der heutigen Generation noch am bekanntesten durch Disneys Zeichentrickmusical aus dem Jahre 1991 ist. In Cocteaus Version gerät ein dem Bankrott naher Geschäftsmann in die Fänge eines in ein Monster verwandelten Prinzen. Um zu überleben, muß der Geschäftsmann dem Monster seine Tochter versprechen. Ohne das Wissen um die wahre Identität des »Biests« muß die Tochter nach anfänglichem Widerstand nach und nach feststellen, daß das wilde Monster einen sehr weichen Kern hat. Als ihre gierige Verwandtschaft nach dem Gold des Monsters trachtet, muß sie sich zwischen der Liebe für den fehlbaren Vater und der aufkeimenden Liebe für den transzendenten Prinzen im Biester-Gewand entscheiden…

Kurz nach Kriegsende gedreht, wirkt Es war einmal zunächst wie eine Flucht vor der harten Nachkriegs-Realität. Während Cocteaus Zeitgenossen in Italien den »Neorealismus« begründeten und mit einer humanistischen Schule, die nach den »wahren« Geschichten der Menschen auf der Straße suchten, das fantasievolle, märchenhafte Kino und seine Poesie negierten, verfolgte Cocteau seinen eigenen Weg. Seine Filme waren jedoch im Vergleich vieler der Artverwandten aus der Traumfabrik jenseits des großen Teichs keine Filme, die die Massen ablenken oder lenken sollten. Cocteaus Kino war ein tröstliches Kino, in dem er versuchte, der Wirklichkeit das wiederzugeben, was die harte Realität und die unaussprechlichen Taten des zweiten Weltkriegs in Europa ausgelöscht hatten: die Irrationalität in Form von Fantasie und Poesie. Bei aller harter Realität und politisierendem Betroffenheitskino, das im Neorealismus entwickelt und verbreitet wurde, schaffte er es auf filmische Art und Weise, den Glauben an die unsichtbare Welt hinter der sichtbaren zurück zu bringen und Kracauers Polarität letztlich in sich zu vereinen. 2011-03-14 09:02

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