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Ein Köder für die Bestie

Cape Fear. USA 1962. R: J. Lee Thompson. B: James R. Webb. K: Sam Leavitt. S: George Tomasini. M: Bernard Herrmann. P: Melville-Talbot Productions. D: Gregory Peck, Robert Mitchum, Polly Bergen, Lori Martin, Martin Balsam, Jack Kruschen, Telly Savalas, Edward Platt, Will Wright u.a.
105 Min.

Schwarzweißmalerei

Von Asokan Nirmalarajah Als Martin Scorsese mit Kap der Angst (1991) ein Farbremake des Schwarzweißfilms Ein Köder für die Bestie von 1962 drehte, war von dem Projekt niemand mehr begeistert als J. Lee Thompson, Regisseur des Originals. Thompson, der seinen Suspense-Thriller als eine Hommage an seinen Lieblingsregisseur Alfred Hitchcock verstanden wissen wollte, war sehr angetan von der Idee, daß ein weiterer von ihm bewunderter Zunftgenosse nun seinem Film Tribut zollte. In der durchwachsenen Rezeption von Scorseses gleichnamigem Remake von Cape Fear (so der Originaltitel) kam aber kein Kritiker auf die Idee, von einer Würdigung J. Lee Thompsons zu sprechen. Die meisten Rezensenten zeigten sich an dem metatextuellen, genreinternen Dialog zwischen zwei ausgewiesenen Meistern des Regiefachs viel mehr interessiert: Scorsese und Hitchcock. Fehlt es dem britischstämmigen Hollywood-Regisseur Thompson doch, trotz vereinzelter Profilierungs- und Nobilitierungsbemühungen von Forschung und Kritik, noch immer an einem Namen, der dem Publikum eine eigene Handschrift, ein konkretes Wertniveau signalisiert. Mit anderen Worten: Thompson ist eine Adelung vom Regisseur zum »Auteur« bislang verwehrt geblieben.

Als verläßlicher und kompetenter Auftragsregisseur begann Thompson seine lange Karriere mit kontrovers diskutierten englischen Sozialdramen wie Der gelbe Ballon (1953) und The Weak and the Wicked (1953). Darauf folgten einige kommerziell erfolgreiche Kriegsabenteuer wie Ice-Cold in Alex (1958) und Die Kanonen von Navarone (1961), eine englisch-amerikanische Produktion mit Starbesetzung, die ihm mit der Oscar-Nominierung für die beste Regie den Weg nach Hollywood bahnte. Dort versandete die anfängliche Euphorie um den gefälligen Briten jedoch bald angesichts einer Reihe von kommerziell und künstlerisch unergiebigen Starvehikeln. Am Ende seiner Karriere war Thompson dann nur noch als ein routinierter Low-Budget-Regisseur bekannt, der die zwei letzten Teile der Planet der Affen-Reihe und zahlreiche Charles-Bronson-Reißer wie Death Wish 4 (1987) verschuldet hat. Kein Wunder also, daß der Name Thompson in den Kanonisierungsbemühungen der Filmkritik und -forschung keine große Rolle spielt: Seine Filme sind nicht dafür bekannt, daß er sie inszeniert hat, sondern er ist heute nur noch im Gespräch, weil ihm einige klassische Hollywoodfilme gelungen sind, wie eben Ein Köder für die Bestie.

Diese Bestie, die animalische Naturgewalt, vor der sich alle mehr oder weniger zivilisierten Figuren des Films fürchten, ist Max Cady, ein verurteilter Sexualtäter, der nach seiner Freilassung die Familie des Mannes terrorisiert, den er für seine Inhaftierung verantwortlich macht. Ganz im Sinne Hitchcocks bezieht der im hochatmosphärischen, finsteren Schwarzweiß eines Noirs fotographierte Psychothriller seine Spannung nicht so sehr aus der Frage, was passieren wird, sondern wann es passieren wird. Wann wird Cady, der den Mitgliedern der Bowden-Familie wiederholt nachstellt, endlich zuschlagen und seine Rache verüben? Zu welchen drastischen Gegenmaßnahmen an der Grenze zur Illegalität sind Papa und Mama Bowden bereit, um die Jungfräulichkeit ihrer pubertierenden 14-jährigen Tochter vor möglichen Übergriffen zu schützen? Es hilft, daß die Bowdens trotz der makellosen, sonnendurchfluteten Idylle, in der sie leben, keine blassen Upper-Middle-Class-Amerikaner sind, an deren Leid und Niedergang man durch die weit faszinierendere Lower-Class-Figur Cadys sadistisches Vergnügen haben darf. Findet sich im Film doch häufig die Andeutung, daß ihre ach so zivilisierte Fassade recht schnell Risse bekommen kann.

Bei Max Cady handelt es sich wenn überhaupt, wie es uns später Scorseses wenig subtile Neuverfilmung der Romanvorlage »The Executioners« (1957) von John D. MacDonald unablässig einhämmern würde, um die Wiederkehr des Verdrängten. Das Potential für extreme Gewalt, das Robert Mitchum hier hinter seinem süffisanten Blick und seinem mächtigen, oft entblößten Oberkörper andeutet und das Robert De Niro in derselben Rolle später exzessiv ausagieren würde, steckt auch hinter dem brav-bürgerlichen Auftreten Gregory Pecks als gewissenhafter Familienvater Sam Bowden. Auch wenn Peck einmal mehr so steif und ernsthaft auftritt, als hätte er einen Stock verschluckt, bildet er so den perfekten Gegenpart zu dem in seiner Gelassenheit geradezu hypnotisch wirkenden Mitchum. Polly Bergen bezaubert indes mit figurbetonten Kleidern als Pecks attraktive Gattin, die zusammen mit der sexuell erwachenden Tochter als Spieleinsatz im Duell der Männer dient. Cady, der in der besten von vielen packenden Dialogszenen über den Verlust seiner Familie sinniert, verkörpert die entfesselte, nicht mehr domestizierte Kehrseite von Papa Bowden, eine bedrohliche, aggressive männliche Sexualität, samt Hut und phallischer Zigarre.

Thompson, der als Filmemacher vor allem an Figuren interessiert ist, die sich in ausweglosen Extremsituationen wiederfinden, hält seine virilen Kontrahenten visuell gefangen zwischen den grellen Lichtkegeln und den ominösen Schatten fensterloser Verhörzimmer. Indes fotographiert er Cadys potentielle Opfer durch die Gitter von Bettpfosten, Treppengeländern und Schulzäunen, um ihre verzweifelten Gesichter schließlich in beengenden Nahaufnahmen zu fixieren. Kameramann Sam Laevitt malt ihm hierfür mit Licht und Schatten eine eindrucksvolle unheimliche Schwarzweißwelt, in der die Grenzen zwischen gut und böse, richtig und falsch, weiß und schwarz längst aufgehoben sind. So erinnert man sich nach dem zum Ende hin in einen düsteren Horrorfilm-Modus wechselnden Alptraumszenario auch nicht an das arg plakative, moralische Filmende, sondern an die bedrückende, verstörende Grundstimmung des Films. Der schaurige Nervenkitzel, den Thompson hier viel eleganter, weniger hektisch und mit spärlicheren Mitteln hervorruft als Kollege Scorsese, ist dabei nicht zuletzt der unvergeßlichen und von Scorsese später nahezu komplett übernommenen Musik von Hitchcocks Hauskomponist Bernard Herrmann geschuldet. 2011-03-09 14:12

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