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Der englische Patient

The English Patient. USA/GB 1996. R,B: Anthony Minghella. K: John Seale. S: Walter Murch. M: Gabriel Yared. P: Miramax, Tiger Moth. D: Ralph Fiennes, Juliette Binoche, Willem Dafoe, Kristin Scott Thomas, Naveen Andrews, Colin Firth, Julian Wadham, Jürgen Prochnow u.a.
162 Min.

U can run – but u cant hide

Von Frederik König Der englische Patient von Anthony Minghella, basierend auf dem Roman von Michael Ondaatje, ist die Geschichte einer Krankenschwester im zweiten Weltkrieg, die einem Verwundeten, der nach einem Flugzeugabsturz mit schweren Brandwunden versehrt ist, bis zu seinem Tod begleitet. Durch den Unfall leidet der Patient unter Amnesie und kann sich nur vage an seine Vergangenheit erinnern. Der Patient beginnt sich im Dialog mit der Schwester an seine Geschichte zu erinnern, die dem Zuschauer in langen Rückblenden visualisiert wird. Nach und nach wird deutlich, daß eine unglückliche Liebesgeschichte in den Wirren des beginnenden zweiten Weltkriegs Grund für das Schicksal des Patienten war…

Auf den ersten Blick ist Der englische Patient ein Film, den man dem Genre des Liebesfilms oder der Romanze zuordnen könnte. Im Laufe des Films wird einem jedoch anhand des komplexen erzählerischen Konstrukts bewußt, daß es sich hier um mehr als nur eine weitere Schmonzette aus der hollywood’schen Traumfabrik dreht: In Zusammenarbeit mit dem Editor Walter Murch, den meisten als der Schnitt- und Tonmeister vieler Filme von Francis Ford Coppola (u.a. bei Apocalypse Now, Der Dialog, Tetro) bekannt, entwickelte Anthony Minghella ein komplexes Montagenetz, das den Zuschauer Stück für Stück die wiederkehrenden Momente aus dem Leben des Patienten miterleben läßt. Jedes dieser memoriellen Puzzlestücke hat dabei eine Bedeutung für die Gegenwart. Das filmische Präsens und das Imperfekt der Erinnerungen wechseln sich in einem wohltemperierten Rhythmus ab und verdeutlichen ein weiteres Mal, daß Film selbst nicht nur ein Medium der Erinnerung und des Erinnerns ist…

Der Wechsel der Zeitebenen beim Der englische Patienten zeigt Mechanismen des Erinnerns, die wir selbst normalerweise oft nur unbewußt vollziehen und läßt sie den Zuschauer nacherleben. Vergangenes und Gegenwärtiges wird miteinander vermischt, geht Verbindungen ein und läßt Konflikte entstehen. Auf diese Weise ist Murchs Montage das dramaturgische Grundgerüst eines Liebes-Essays über das Erinnern, Vergessen und Verdrängen. Als bettlägeriger Unfallversehrter hat der Patient keine Chance, seiner Erinnerung durch räumliche Fortbewegung oder Verlagerung auszuweichen. Er muß sich ihr stellen. Dies ist letzten Endes der Grundkonflikt dieses Films: Zum Schluß erkennt man, daß der Patient weniger an einer Amnesie litt, als vielmehr seine Vergangenheit bewußt zu vergessen, besser: zu verdrängen versuchte. Manchmal ist Erinnern eben ein Fluch und Vergessen ein Segen. Die inneren Wunden des Patienten sind wesentlich schwerwiegender als die Äußeren. Und so muß er im Blick zurück lernen, daß er den friedvollen Gang aus dieser Welt einzig und alleine durch die Akzeptanz des Geschehenen erreichen kann. Flucht vor Erinnerung ist zwecklos. Irgendwann muß man sich ihr stellen, u can run – but u cant hide. 2011-03-03 10:44

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