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Sie leben

They live. USA 1988. R,B,M: John Carpenter. K: Gary B. Kibbe. S: Gib Jaffe, Frank E. Jimenez. M: Alan Howarth. P: Alive Films, Larry Franco Productions. D: Roddy Piper, Keith David, Meg Foster, George Flower, Peter Jason, Raymond St. Jacques, John Lawrence u.a.
93 Min.

Marx-Fiction

Von Frederik König Der kanadische Wrestlingstar »Roddy Piper« spielt in John Carpenters Sie leben den umherziehenden Ölarbeiter John Nada, der in einer von Amerikas profillosen Metropolen ankommt in der Hoffnung, hier sein Glück zu finden. Nada ist einer von Amerikas anonymer Masse, ein proletarischer Tagelöhner auf Arbeitssuche. Er ist ein Nomade der Neuzeit, der mit seiner charmanten Mischung aus Bauarbeiter und Landstreicher wie ein aufgemotzter Mutant wirkt, der im falschen Zeitalter geboren wurde. In seiner Suche nach dem amerikanischen Traum stammt er jedoch in direkter Linie von den armen landflüchtigen Idealisten aus John Steinbecks »Früchte des Zorns« ab. Genau wie diese Suchenden wird auch Nada in der Stadt enttäuscht und sein Idealismus gebrochen.

Während die Städte ihre silbern blitzenden Kronenzacken immer weiter in den Himmel strecken, um als architektonische Herrschaftssymbole der reichen Oberschicht im urbanen Raum ihre materielle Manifestation zu finden, muß der ehemalige Ölarbeiter Nada sich als Hilfsarbeiter von Job zu Job schleppen und wie ein Landstreicher ohne Dach über dem Kopf leben. Seine Nächte verbringt er in einem Obdachlosencamp außerhalb der Stadt. Hier ist der letzte Platz, den die Mächtigen noch nicht über mediale und staatliche Repression bis ins kleinste Detail beherrschen. Dieser Ort wird von zwielichtigen Gestalten, Freigeistern und obskuren Erscheinungen wie einem Wanderprediger bevölkert, der davon spricht, daß die Welt von fremden Wesen unterwandert ist. Sie versetzen uns über die Medien in einen tranceartigen Zustand und beuten uns aus, ohne daß wir es merken: »Sie leben – Wir schlafen«. Aber es ist an der Zeit aufzuwachen…

Die Gesellschafts- und Medienkritik, die bis hierhin deutlich zu Tage tritt, ist für jeden Menschen an seiner eigenen Umgebung zu beobachten: Walkman-Autisten in der U-Bahn, Internetfreaks, die sich in der virtuellen Welt realer fühlen als in der wirklichen, Menschen, deren Leben von der nächsten Folge ihrer Lieblingsserie abhängt, statt sich um die gesunde Ernährung ihrer Kinder oder die nächste Bundestagswahl zu kümmern. Jeder kennt diese Extreme der medialen Repression, die mündige Bürger mit dem »Opium fürs Volk« in hirnlose Zombies verwandelt. Carpenter nutzt diesen Moment, um seine Kritik am marktwirtschaftlichen System in einen wahren, blutigen Klassenkampf zu verwandeln: Sein Held Nada kommt einer rebellischen Gruppe auf die Spur, die im Obdachlosenviertel untergetaucht ist, um scheinbar gegen den Staat, das ungerechte System und seine Repressionen vorzugehen. Diese Gruppe stellt heimlich sonderbare Sonnenbrillen her, von denen Dana eine entwenden kann, bevor die Polizei die Gruppe zerschlägt.

Nun spaziert Dana durch die große Stadt, setzt die Brille auf seine Nase und sieht die Welt auf einmal mit anderen Augen: An Stelle von Bonzen und Schlipsträgern stehen häßliche außerirdische Wesen vor ihm, die sich als Menschen getarnt haben. Werbebotschaften offenbaren mit dem Blick durch die Brille ihr wahres Wesen: An Stelle einer halbnackten Frau oder der Bierwerbung steht dort: gehorche, konsumiere oder pflanze dich fort! Dana sieht plötzlich den Subtext der von den »Außerirdischen« suggerierten Welt. Er erkennt das verrottete Innere der Gesellschaft und die Manipulation der Massen durch die Medien. Nie wurde in einem Film besser zum Ausdruck gebracht, daß es nicht der verwahrloste, obdachlose oder bettelnde Mann auf der Straße ist, vor dem man sich fürchten muß, sondern daß die Saubermänner und Schlipsträger in ihren unmenschlichen Kathedralen aus Stahl und Glas die wirklichen Psychopathen sind, die uns mit ihrem Geld regieren (siehe auch American Psycho). Dana erkennt die soziale Ungerechtigkeit seiner Welt und geht dagegen vor. Die Mittel dazu sind simpel, aber brutal und wirksam: Flinte, Revolver und ein äußerst nervöser Abzugsfinger. Die Früchte sind reif. Der Zorn frei. Gewalt ist sein Kind und er soll wüten bis zum bitteren Ende… Ein reiner »Marx-Fiction« dieser Film: Völker dieser Erde vereinigt Euch! Auf in den Kampf gegen den gemeinsamen außerirdischen Feind – Viva la Revolution! 2011-02-23 14:38

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