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Shining

USA/GB 1980. R,B: Stanley Kubrick. B: Diane Johnson. K: John Alcott. S: Ray Lovejoy. P: Warner Bros, Hawk Films, Peregrine u.a. M: Wendy Carlos, Rachel Elkind. D: Jack Nicholson, Shelley Duvall, Danny Lloyd, Scatman Crothers, Barry Nelson, Philip Stone, Joe Turkel, Anne Jackson, Tony Burton u.a.
141 Min.

Perfektion

Von Frederik König In Thomas Manns Novelle »Tod in Venedig« wird einmal gesagt, daß etwas nur perfekte Schönheit erlangen kann, wenn es einen gewissen Grad an Makel besitzt. Das erinnert ein bißchen an Schönheitsflecken, künstliche Leberflecken, die sich vor 250 Jahren barocke Damen zu Hofe ins Gesicht schminkten, um einen makelhaften Perfektionsgrad herzustellen. Stanley Kubrick zeigte uns diese un- und imperfekten Damen zu Hofe in dem Historienfilm Barry Lyndon auf technisch und erzählerisch so brilliante Weise, daß selbst der Mannsche Makel obsolet wurde. Für Kubrick fand sich Perfektion nicht im Makel, sondern in der Balance und Symmetrie mathematischer Systeme, die er auf Erzählung, Bildgestaltung und technische Ausführung seiner Filme übertrug. Er war der Bach des Films, wenn man so will, der auch in Shining die filmische Perfektion im Genre des Psycho-Horrors vollzog, indem er - wie Johann Sebastian Bach in der Musik - die bildlichen Noten und ihre Wirkung aufeinander berechnete und bewußt seiner Intention folgend verwendete.

Shining handelt von einer dreiköpfigen Familie, die außerhalb der Saison als Housekeeper in einem ansonsten verlassenen Ski-Hotel wohnen möchte. Der Vater, gespielt von Jack Nicholson, ist Schriftsteller und erhofft sich hier die dringend benötigte Ruhe, um sein neuestes Werk zu verfassen. Bald jedoch erwachen die Geister des Hauses, halten ihn von seiner Arbeit ab und schaffen es, den Vater durch allerlei Halluzinationen und Psychotrips in eine die eigene Familie abschlachten wollende Killermaschine zu verwandeln. Die Geister haben jedoch nicht mit dem Sohn der Familie gerechnet: Er besitzt das so genannte »Shining«, das heißt, daß er über Gedanken mit anderen Menschen, die ebenfalls das Shining besitzen, kommunizieren kann. Wie der Zufall es will, ist der Hausmeister des Hotels auch ein solch gesegneter Auserwählter, eilt im Schneemobil den Berg hinauf und den telepathischen Hilferufen entgegen, während Jacky-Boy mit der Axt hinter Ehefrau und Sohn her rast.

Trotz dieser etwas fadenscheinigen Handlung aus der Feder des neuzeitlichen Gruselpoeten Stephen King schafft es Kubrick, die Handlung mehrdimensional, in absoluter Perfektion und ohne den geringsten Makel auf die Leinwand zu bringen. Das symmetrisch-psychedelische Muster des allgegenwärtigen Hotelflurs ist dabei nur ein prägendes Bild für diese schier wahnsinnige Perfektion in allen Belangen, die sich durch Kubricks gesamtes Schaffen zieht. So erlaubte Kubrick noch nicht einmal, daß Making-ofs bei seinen Filmen gedreht wurden. Die Filme sollten für sich stehen und nicht durch den Mythos und den menschlichen Makel hinter den Bildern getrübt werden. Einzig und allein bei Shining durfte die Tochter von Kubrick mit ihrer 16mm-Bolex einige Aufnahmen machen. Diese Aufnahmen machen klar, warum Kubrick gegen Making-ofs war: Kubrick steht auf einmal als Mensch da und nicht mehr als der unberührbare Mythos, den er selbst durch seine medienscheue Art inszenierte. Die Perfektion bekommt doch einen Makel. Den Makel seines Schöpfers. Gut zu wissen, daß auch ein Gott menschlich und damit fehlbar sein kann. 2011-02-23 13:14

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