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Leichen pflastern seinen Weg

Il grande silenzio. I/F 1968. R,B: Sergio Corbucci. B: Mario Amendola, Bruno Corbucci, Vittoriano Petrilli. K: Silvano Ippoliti. P: Adelphia Compagnia Cinematografica, Les Films Corona. M: Ennio Morricone. D: Jean-Louis Trintignant, Klaus Kinski, Frank Wolff, Luigi Pistilli, Vonetta McGee, Mario Brega, Carlo D'Angelo, Marisa Merlini u.a.
105 Min.

Blut, das auf Schnee fällt

Von Frederik König Fargo, Lady Snowblood oder Leichen pflastern seinen Weg von 1968 sind Filme, bei denen man denken könnte, sie wären einzig und alleine aus dem Wunsch ihrer Macher entstanden, das rote sündige Blut eines Menschen verschwenderisch in den jungfräulichen Schnee tropfen zu sehen. Bei Leichen pflastern seinen Weg entstand laut Legende die Idee zum Film tatsächlich aus dem Wunsch Sercio Corbuccis, einen italienischen Western im Schnee zu drehen. Im Original heißt dieser Film »Il grande silenzio«, was übersetzt soviel bedeutet wie »Das große Schweigen«. Diesen Titel kann man auf zweierlei Weise als programmatisch für die Handlung des Films sehen: Ein Kopfgeldjäger, irre und genial gemein gespielt von Genius Klaus Kinski, kommt in ein kleines verschneites Bergdorf, in dem die Bewohner aus Armut, Hunger und Not zu Dieben geworden sind. Diese zerlumpten Bettler jagt Kinski einen nach dem anderen und begleicht ihre offenen Rechnungen mit heißem Blei aus seinem Revolver. Auf diese Weise wird es immer stiller und schweigsamer im Dorf, bis die Bewohner einen stummen Killer anheuern, der »Silence« heißt und als Kind mit ansehen mußte, wie seine Eltern von Kopfgeldjägern wie Kinski ermordet wurden. Der Kreis der Rache schließt sich. Aber nur vorläufig…

Während man aufgrund der Entstehungszeit des Films und des allzu moralischen und sozialkritischen Untertons jetzt ein rundes Show-Down-Happy-End erwartet, bricht Corbucci zum Ende hin mit den konditionierten Sehgewohnheiten seines Publikums. Er tut es so konsequent, daß man noch heute völlig verblüfft dasitzt und sich fragt, wie so eine Rebellion gegen die eingefahrenen Erzählmuster unserer Geschichtenindustrie überhaupt zustande kommen konnte. Im nächsten Moment springt einem das Herz in der Brust, denn ein solcher Bruch ist ein gekonnter Hieb in all die Hinterteile sich unterordnender Hampelmänner, die ihre konfektionierte »Ware jeden Tag zum Markt tragen und sich in die Schlange der Händler einreihen«, wie es einst der große Brecht formulierte.

Corbucci zeigte in diesem Film, daß er mit seiner Abart des US-amerikanischen Westerns, vermischt mit einer Prise europäischer »Hochkultur«, nicht nur ein »Kind von Marx und Coca Cola« war. Er war ein Interpreteur, der sich in seinem künstlerischen Ausdruck nicht nur allen möglichen Einflüssen bediente, sondern den Mut hatte, ihnen völlig neue Elemente hinzuzufügen. Im Film zeigte er den Mut, radikale Brüche zu wagen – ein Mut, der in der politischen Realität an Bürokratie und intellektueller Farce wie 1968 oft scheiterte. 1971 drehte Robert Altmann einen amerikanischen Western im Schnee. McCabe & Mrs. Miller, vom europäischen Western beeinflußt, kann als Fortsetzung oder besser: Spiegelbild von Leichen pflastern seinen Weg gelesen werden. Während Corbuccis Film schnell und actionreich eine Handlung erzählt, die den Film in seiner rebellischen Art zu einem reinen »68er« macht, ist Altmanns Film schon ein melancholischer Abgesang, in seiner Langsamkeit und Apathie aber genauso unkonventionell wie Leichen pflastern seinen Weg. Und auch hier fällt wieder Blut auf Schnee. 2011-02-21 11:40

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