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Matrix

The Matrix. USA 1999. R,B: Andy Wachowski, Lana Wachowski. K: Bill Pope. S: Zach Staenberg. M: Don Davis. P: Silver Pictures, Warner Bros. u.a. D: Keanu Reeves, Laurence Fishburne, Carrie-Anne Moss, Hugo Weaving, Gloria Foster, Joe Pantoliano, Marcus Chong, Julian Arahanga, Matt Doran, Belinda McClory u.a.
136 Min.

Er-träumt? Er träumt!

Von Frederik König Es war einmal im Jahre 1999, kurz vor der Jahrtausendwende. Die Menschheit befand sich in einem allgemeinen Zustand der Unruhe und Besorgnis, weil nicht nur Computernerds den technologischen Supergau prophezeiten, sondern auch Nostradamus und andere zuverlässige Quellen den Wechsel der Hunderterjahre nutzten, um Gespenster von apokalyptischen Reitern über Land zu schicken. In dieser Zeit erkannte einer der Nerds eines Abends, daß er und seine sechs Milliarden Mitbewohner auf diesem Planeten seit Jahrzehnten in einer Zeitschleife von Computersimulation gefangen waren, die ihnen ihr »Leben« nur vorgaukelte. Der auserwählte Nerd namens Neo erwachte aus der virtuellen Welt und mußte sich alsbald mit einer Gruppe anderer erwachter Nerds durch eine Post-1999-Welt schlagen, in der die Maschinen die Menschen sich untertan gemacht hatten und in riesigen Farmen ihr Leben träumen ließen, um still und heimlich der Batterie Mensch den Lebenssaft abzuzapfen.

Matrix hatte beim Erscheinen in der Popkultur sowohl auf technischer wie auch inhaltlicher Ebene die Durchschlagskraft eines neuen filmischen Evangeliums. Er gab dem Gefühl der Unsicherheit der eigenen Existenz, das besonders einer den 1990er Jahren entwachsenden, identitätssuchenden Jugend entsprach, ein filmisches Spiegelbild. Mit einem Helden, in dem sich jeder wiedererkannte. Das Hinterfragen der eigenen Realität, zurückgeholt aus den verschlossenen Räumen der akademischen Dachkammerpoeten und massenmedial im Film verarbeitet, traf den nervösen Zeitgeist von 1999. Für seinen Erfolg war nicht nur das inhaltliche Thema von Matrix, sondern auch die bahnbrechende technische Umsetzung mit der bekannten »Bullet Time«-Technik verantwortlich, in der filmische Zeit in Superzeitlupen gedehnt wurde. Die Kernidee von Matrix, im reflexiven Medium Film einen Spiegel im Spiegel oder Traum im Traum zu konstruieren, griffen die Wachowski-Brüder unter anderem bei Phillip K. Dick und seinem Roman »Ubik« auf. Zudem wurde mit der Idee der falschen virtuellen Realität in Matrix eine Medienkritik a lá Platons Höhlengleichnis konsequent zu Ende gedacht und serviert: Was passiert, wenn die tanzenden Schatten an den Wänden einer urzeitlichen Höhle als erste »Medien« realer wirken, als die Menschen, die vorm flackernden Feuer sitzen und die Schatten erzeugen? Matrix gab und gibt Antworten…

Christopher Nolan arbeitete 2010 ebenfalls mit dem Themenkomplex und entwickelte in Inception, neben der inhaltlichen Ähnlichkeit, neue technische Systeme, um filmische Zeit und ihre Kontinuen ad absurdum zu führen. Die die Realität hinterfragende Grundtendenz von Matrix und Inception bedient die grundsätzliche Frage nach einem Dies- und einem Jenseits durch Übertragung auf unterschiedliche Realitätsebenen, nur daß der christliche Subtext fehlt. Beide Filme spielen mit der Idee, daß verschiedene Menschen einen gemeinsamen Traum erleben und versuchen, aus diesem aufzuwachen. Was wäre also, wenn unser aller Leben ein einziger, nur scheinbar kollektiver Traum wäre, der eigentlich einem einzigen Träumer gehört. Der oder die träumende Herr bzw. Frau muß ja nicht gleich Gott, Jehova oder Allah heißen. In unserem Fall könnten diese Person auch die Gebrüder Wachowski sein, denn diese beiden ließen uns Ende der 1990er Jahre die Dystopie Matrix als einmaligen kollektiven Kino(Alb-)traum erleben. In diesem Sinne schließen wir mit den poetischen Worten Jean Cocteaus aus seinem Theaterstück »Orpheus«:

»Mein armes Herz, er wohnt nirgends.
Die einen glauben, daß er an uns denkt,
andere, daß er uns erdenkt,
Wieder andere, daß er schläft
und daß wir sein Traum sind – sein böser Traum«. 2011-02-07 10:43

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