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Rocker

D 1972. R,B: Klaus Lemke. K: Bernd Fiedler, Anna Harnisch. S: Jutta Brandstaedter. M: Santana. P: ZDF, TV-Union. D: Hans-Jürgen Modschiedler, Gerd Kruskopf, Michael-Thomas Krannich, Paul Lys, Marianne Mim, Heidrun Rieckmann, Dennis O. Heinrich u.a.
85 Min.

Heimatfilme

Von Frederik König Fragt man gebürtige Hamburger mit ein wenig Filmwissen nach den wichtigsten Hamburg-Filmen, so würde die Antwort mit Sicherheit einige der folgenden Filme enthalten: Absolute Giganten mit dem unsterblichen Frank Giering, der Klassiker Auf der Reeperbahn nachts um halb eins mit Heinz Rühmann, Nordsee ist Mordsee von Hark Bohm, vielleicht noch Fatih Akins Erstling Kurz und schmerzlos und auf jeden Fall Rocker von Klaus Lemke. Aber was macht eigentlich einen guten Hamburg-Film aus? Die Antwort ist recht simpel: Ein solcher Film muß über seine Geschichte, Figuren und Spielorte ein Gefühl von Heimat entwickeln, in dem sich Hamburger wiederfinden und Außenstehende dieses Gefühl nachvollziehen lassen. In Hamburg sind die entscheidenden Elemente ganz klar Orte wie die Elbe, der Hafen, der Kiez, der Fischmarkt, Planten und Bloomen usw., die dann mit entsprechend typischen Charakteren angereichert auftauchen. Diese Orte sind Stätten, die besonders stark mit Geschichten aufgeladen wirken, da sie durch die Lage Hamburgs an der Elbe als »Tor zur Welt« Kreuzungspunkt unzähliger und vielfältiger Erinnerungen, Schicksale und Leben sind. Vielleicht führt ja gerade diese natürliche Offenheit gegenüber der Welt zu einem besonders intensiven Heimatgefühl der Hamburger, das sich in diesen Filmen widerspiegelt.

Insbesondere der »Kiez« auf St. Pauli ist ein Ort, der in allen Hamburg-Filmen seinen Auftritt hat und meist eine zentrale Rolle spielt. Die Reeperbahn, die ursprünglich eine Art gesetzlose Zone zwischen dem dänischen (der heutige Stadtteil Altona) und dem deutschen Teil Hamburgs bildete, war schon früh ein Ort, an dem sich allerlei Gesindel, Matrosen, Prostituierte und Ganoven ansiedelten und herumtrieben. Bevor hier die Tourismusbranche endgültig überhand nahm und auch die so genannte Gentrifizierung um sich griff, mag ein Hauch vom »Wilden Westen« über diesem mythischen Ort gehangen haben. Diesen Hauch kann man in Rocker noch für einen kurzen Moment erahnen. Der Film beginnt mit dem »Einreiten« einer Horde »Rocker« auf ihren verchromten Feuerstühlen, die in einem großen lauten Mob über den Asphalt donnern. Das erinnert an eine Gang gesetzloser Reiter aus einem Westernfilm, die in die Stadt einreiten, um ihren kompromißlosen Freiheitsdrang an der einheimischen Bevölkerung auszulassen. Sie sind zunächst jedoch gekommen, um einem der ihren Tribut zu zollen und ihn vom Knast abzuholen. Dieser Rocker, den eine der schönsten Bart-Sonnenbrillen-Kombinationen aller Zeiten auszeichnet, versucht im Fortgang des Films wieder in sein gewohntes Rocker-Leben zurück zu finden. Wie die Figur eines Spätwesterns stößt er sich dabei ständig an der veränderten Umwelt, die ein Individuum wie ihn nicht mehr akzeptiert und an den Rand der Gesellschaft drängt. Seine Wege kreuzen sich bald mit einem Jungen, der mit seinem kleinkriminellen großen Bruder auf St. Pauli unterwegs ist, um einen Tag blau zu machen und über die üblichen Initiationsriten mit Alkohol und Sex seine Männlichkeit zu beweisen. Der große Bruder wird während eines Streits von einigen Kiezgangstern umgelegt. Der Rocker trifft auf den kleinen Bruder und beschließt, ihm bei seiner Vergeltungsaktion zu helfen. Auf ihrem Weg dahin besaufen sie sich mit anderen Rockern, heizen auf der Harley durch Hamburg, spielen Drogenkurier und können zum Schluß gemeinsam mit der Rocker-Gang den Tod des Bruders rächen.

Rocker besticht vor allem durch den hohen Grad an Authentizität und norddeutscher Lebensart, den Lemke durch den Einsatz von Laiendarstellern und durchgehende Improvisation an Originaldrehorten erhielt. Die Rocker in diesem Film sind genauso echt und hart wie ihre Sprüche, die noch lange im kollektiven Gedächtnis weiterleben werden, selbst wenn der Film irgendwann einmal vergessen sein sollte. Diese Realitätsnähe macht Rocker zu einer fiktionalen Dokumentation, die den Film über die Jahre sowohl für Außenstehende als auch Hamburger zu mehr als nur einem Zeitdokument aus dem Jahre 1972 gemacht hat. Das außergewöhnliche Fernsehspiel, das seinerzeit sogar vom ZDF finanziert wurde, wird seit einigen Jahren regelmäßig im Freiluftkino im Millerntorstadion auf St. Pauli vorgeführt. Hier kann man vor der echten »Kulisse« und mit einigen Nachfahren der »Rocker« im Publikum spüren, daß sich zwar das Gesicht der Stadt und ihrer Menschen verändert hat, ihr Geist und ihre Mentalität aber zeitlos sind. 2011-02-09 12:00
© 2012, Schnitt Online

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