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Praxis Doktor Hasenbein

D 1997. R,B,M: Helge Schneider. K: Serge Roman. S: Andrea Schumacher. P: Senator. D: Helge Schneider, Peter Berling, Carina Berns, Bernhard Sondermann, Andreas Kunze, Carlos Boes, Bratislav Metulskie u.a.
94 Min.

Der DADA-Doktor

Von Sven Lohmann »Ja ich überleg grad, ob ich mir überhaupt noch ne Zeitung kauf, bei dem internationalen Makakentum heutzutage da weiß man ja gar nich, ne'.« - »Ja hast ja recht, die Zeiten haben sich ja geändert, nich.« - »Ja, ja, ja, ja, ja!« - »Aber Zeitung muß man lesen, nich?« - »Ja nö och…« - »Meinste nich?« - »Ja wenn jeden Tach wat anderes drin steht, dat is doch sowieso Quatsch.« Im Ruhrgebiet-Vorörtchen Karges Loch wohnen, das sehen wir gleich, ganz normale Menschen. Der geizige Quacksalber Dr. Hasenbein (Schneider in der Hauptrolle) ist der Fokus, über den wir die Milieuschilderung erleben: In seiner Arztpraxis laufen die Fäden des sozialen Geschehens im Viertel zusammen, und so wird sie zum Bindeglied zwischen Käseladen, Kiosk, Tante Uschis Waisenhaus und anderen Archetypen des Pott-Mikrokosmos.

Der erste Schneider-Langfilm, die eher ermüdende Billig-Genreparodie Texas, damals noch von Ralf Huettner mitinszeniert, war überraschend der erfolgreichste deutsche Film 1993 geworden. Und das wohl nicht zuletzt deshalb, weil Schneider zu jener Zeit auch als Musiker und Entertainer den großen Durchbruch errang. Das Nachfolgeprojekt 00 Schneider war ähnlich konzipiert: Sparsam gemacht, aber ziemlich ulkig und mitunter sogar echt witzig. Praxis Doktor Hasenbein war dann, als gewissermaßen 90minütiger Anti-Witz, nach den beiden Vorgängern jedoch ein Bruch und besticht vor allem durch seine konsequente Verweigerungshaltung, irgendeine Sehgewohnheit zu bestätigen. Die Lust an Improvisation und Verfremdungseffekt erinnert schon mehr ans Theater als ans Kino: Für keine 30.000 Mark gedreht, spielt der Film auf einem Straßenstück vor einer an die Wand gemalten Unterführung und in scheinbar wahllos zusammengesuchtem geschmacklosem Interieur; Hasenbeins kleiner Sohn Peterchen wird kurioserweise gespielt von Peter Berling, der schon mitgewirkt hat bei Liebe ist kälter als der Tod oder Aguirre; Schneiders Leib-und-Magen-Drummer Peter Thoms ist als bucklige Alte dabei und erscheint in einem der Höhepunkte des Films zum Bewerbungsgespräch als Arzthelferin. Zur Milieuzeichnung bedient Schneider sich nicht herkömmlicher Erzählmuster, sondern inszeniert den ereignislosen Alltag in der heilen Vorstadtwelt als eine groteske Nonsensrevue (mit selbstredend eigener Musik), die in ihrer Absurdität bisweilen die Grenze zum Verstörenden überschreitet – dabei niemals verstellt durch den Anspruch, etwas dem Publikum irgendwie Vertrautes zu produzieren. Und wer eine Antenne dafür hat, der findet hier einen absolut zwerchfellerschütternden Film.

Bei der Filmkritik wurde Praxis Doktor Hasenbein seinerzeit teilweise als nur für Fans erträgliche Schneider-Show eingestuft. Daß Schneider nicht jedermanns Geschmack trifft, ist ein Gemeinplatz; der Vergleich mit vulgärer Comedy aber hinkt: Hier läßt sich Schneider schon eher mit Klaus Lemke oder seinem Lehrer Christoph Schlingensief vergleichen als mit filmenden Komikern wie Bully Herbig oder Hape Kerkeling. Daß Schneider selber der Meinung war, er sei bei Praxis Doktor Hasenbein zu viele Kompromisse eingegangen, ist alldieweil erstaunlich: Zumindest für den deutschen Markt läßt sich kaum ein eigenwilligerer Film denken. Ja selbst abwegiges Spartenprogramm wie »Nekromantik« ist vielleicht grenzwertiger und insgesamt qualitativ deutlich unzumutbarer, aber keineswegs ästhetisch radikaler. 2011-01-24 16:02

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