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Belle de Jour

F 1967. R,B: Luis Buñuel. B: Jean-Claude Carrière. K: Sacha Vierny. S: Louisette Hautecoeur. P: Robert et Raymond Hakim, Paris Film, Five Film. D: Catherine Deneuve, Jean Sorel, Michel Piccoli, Geneviève Page, Pierre Clémenti, Françoise Fabian, Macha Méril u.a.
101 Min.

Und drei sind eins

Von Frederik König Ein impressionistisches Gedicht von Hugo von Hofmannsthal, das um die Jahrhundertwende des 19. Jh. entstand, beginnt mit folgenden Worten: »Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen (…)«. In diesen Zeilen schwingt bereits ein psychoanalytischer Unterton mit: Der Mensch ist mehr als nur Körper und Bewußtsein. In ihm schlummern verschiedene Kräfte, die Sigmund Freud wenig später als ›Es‹, ›Ich‹ und ›Über-Ich‹ definierte. Vor allem das ›Es‹, Sinnbild für all die Kräfte, verdrängten Gefühle, Ängste, sowie ureigenen Triebe, die sich in unserem Unterbewußtsein bündeln, bleibt bis heute ein fast mystischer Ort. Seine Kräfte offenbaren sich uns nicht nur in Träumen, wenn das Bewußtsein keine Macht und Kontrolle mehr über sie hat, sondern lenken indirekt unsere Aktionen. Nicht ohne Folgen fällt die systematische und wissenschaftliche Analyse psychischer Mechanismen mit der Erfindung des Films zusammen: Der Film, der sich als Spiegelmedium indirekt immer mit dem Mensch und seiner Psyche beschäftigte, bediente sich bald der Psychoanalyse und ihrer Ergebnisse, um Figuren und ihre Motivationen besser konstruieren und darstellen zu können. Während Filmemacher den Traum als stilistisches Mittel benutzten, um dem Zuschauer das Innenleben eines Zuschauers zeigen zu können, ging Buñuel schon in einer seiner ersten Arbeiten Der Andalusische Hund im Jahre 1929 gemeinsam mit Salvadore Dali einen Schritt weiter: Er machte den Film selbst zu einer Art Traumerlebnis. Anstatt objektive Distanz über Kamera, Schnitt und Inszenierung zu wahren und den Traum im Film als Traum eines der Protagonisten sichtbar auszuweisen, arbeitete er daran, den Film zu subjektivieren und filmisch die reale mit der erträumten Ebene zu verschmelzen, so daß sie für den Zuschauer nicht mehr trennbar waren.

Belle de Jour von 1967 ist auch ein solcher Film. Die Gattin eines erfolgreichen Arztes wird von ihrem Ehemann sexuell nicht befriedigt und beginnt deshalb in einem Edelbordell als Bondage- und Sadomaso-Spezialistin zu arbeiten, um ihre Triebe auszuleben. Durch einen Zufall kommt ihr ein Bekannter auf die Spur und droht sie zu entlarven, während einer ihrer Klienten sie ganz für sich allein zu erlangen versucht. Neben einer eindeutigen Kritik an der bürgerliche Welt seiner Zeit, die unter einem Deckmantel aus Moral und Ethik ihr Innerlichstes verdrängt und negiert, bis es auf andere Weise zu Tage tritt, läßt Buñuel für den Zuschauer unmerklich Szenen von der Realität in die Traumebene der Protagonistin übergehen. Es bietet sich natürlich an, einen solchen Plot mit Freud und seinen Theorien von Trieben und Träumen zu analysieren, doch würde eine solche Interpretation nur eine mögliche subjektive Sicht ergeben, die jeder für sich selbst schaffen sollte. Buñuel selber verwehrte sich Zeit seines Lebens jeglicher Interpretation seiner Filme. Schon bei Der Andalusische Hund wurden angeblich nur die Träume von Buñuel und Dali verwendet, die die beiden in keinster Weise erklären oder interpretieren konnten.

Während seiner Lehrjahre in Hollywood entwickelte Buñuel angeblich ein System, um auf Grundlage bestimmter Parameter den Fortlauf und Ausgang eines Films voraussagen zu können. Man gab ihm Daten wie Geschlecht, Beruf der Hauptfiguren sowie den Grundkonflikt und er konnte sogar bei den unkonventionellsten Filmen das Ende verraten, bevor er ihn gesehen hatte. Wie viel Wahrheit in dieser Legende seiner eigenen Autobiographie »Mein letzter Seufzer« steckt, kann man nicht genau sagen. Die Anekdote zeigt jedoch schon indirekt Buñuels Kritik an festgefahrenen Produktionscodes, die er bald nicht nur inhaltlich, sonder besonders formell auf den Kopf stellen sollte. Keiner seiner Filme ist in irgendeiner Weise voraussehbar, obwohl sie zumeist recht simple inhaltliche Grundmuster besitzen. Bei Buñuel werden jedoch filmisches Ich, Über-Ich und Es eine Einheit, die es nicht mehr zu trennen gilt. Anstatt rational mit dem Bewußtsein sich selbst und die Prozesse um sich herum ständig zersetzen zu wollen, sollte man sie akzeptieren. Manchmal zerstört die Analyse mehr, als zu schaffen und so verwehrte sich auch Buñuel jeglicher psychoanalytischer Diagnose über sich selbst, da er fürchtete, seine Inspiration und Kreativität zu verlieren. Diese Rezension folgt somit Buñuels Wunsch, verwehrt sich der Analyse von Belle de Jour, liefert nur noch mehr Mythos und schließt mit der letzten Strophe des eingangs erwähnten Gedichts:

Das Innerste ist offen ihrem Weben,
Wie Geisterhände im versperrten Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.
Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum. 2011-01-30 17:19

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