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Thomas Crown ist nicht zu fassen

The Thomas Crown Affair. USA 1968. R: Norman Jewison. B: Alan Trustman. K: Haskell Wexler. S: Hal Ashby, Byron 'Buzz' Brandt, Ralph E. Winters. M: Michel Legrand. P: The Mirisch Corporation, Simkoe, Solar Productions. D: Steve McQueen, Faye Dunaway, Paul Burke, Jack Weston, Biff McGuire, Addison Powell, Astrid Heeren, Gordon Pinsent, Yaphet Kotto u.a.
102 Min.

Split-Screen-Geschichten

Fragmente einer Theorie der Zeit im Film

Von Sarah Sander »Beim nächsten Ton ist es drei Uhr und zehn Sekunden.« Eine Zeitansage ertönt, ein Anruf wird getätigt, jemand hebt ab, jemand wartet. Polyscreen. Telefonisch werden Anweisungen durchgegeben, die Zeitansagen tackten das Geschehen. Eine Telefonzelle in jedem Bild im Bild. Alle warten, schauen auf die Uhr, jemand wird nervös. »Go«, »Go«, »Go«, fünf mal. Sobald die Zeit anfängt zu laufen, splittet sich das Bild in Simultanitäten auf. Und ein jeder in seiner Zelle, in seiner Bildecke setzt sich in Bewegung. Splitscreen, Gleichzeitigkeit.

Wenn dann aus einem Rückspiegel durch die heruntergleitende Heckscheibe eines parkenden Autos in ein dreifach geschachteltes Bild gezoomt wird, das das Straßengeschehen vor einer Bank zu sehen gibt, und der Kofferraum des Wagens wie selbstverständlich gerade dann ins Zentrum des Bildes rückt, als er mit Geldsäcken beladen wird, und wenn dann die Dynamik des Zooms von einer Kamerafahrt durch die roten Nebelschwaden in der Bank aufgegriffen wird, die Heckscheibe hochfährt, das Auto los, die Kamera schwenkt hinterher – ein einziger langer Bewegungsfluß –, dann kristallisiert sich in diesem Bild mit unglaublicher Eleganz und Präzision, was die The Thomas Crown Affaire ausmacht: Die Potentialqualität der Splitscreens, das gute Timing, die Coolness, das Katz-und-Maus-Spiel.

Thomas Crown, Steve McQueen, ist nicht zu fassen: So cool, so kühl, so leidenschaftlich, so verstrickt. Ein Broker, der den Kick sucht, nicht weil er broke, gebrochen oder pleite wäre, sondern, um seine Überlegenheit auszureißen, auszuspielen. Ein Spiel, das an die Nerven geht und das nur gewinnen kann, wer die Fassung, die Contenance behält, cool bleibt. Wie bei der Schachpartie mit Faye Dunaway, der Versicherungsdetektivin Vicki Anderson, die so nah an Steve McQueen/Thomas Crown dran ist, weil sie genauso cool, genauso leidenschaftlich und genauso doppelbödig ist wie er. Eine Spielerin – und obendrein schön. Stilikone zwischen Jeanne Moreau und Gena Rowlings. »Shall we play?« – »Try me.« Blicke, Figurenzüge, Fingerzeige; Großaufnahmen. Annäherung, Verführung, Nervosität. »Check.« Der permanente Belagerungszustand.

Und die Kamera immer ganz nah – an den Küssen, den Lippen, den Blicken, den Falten – unterlegt von ironisch schwellenden Geigen, inmitten eines Soundtracks aus Bar- und Freejazz. Das Liebes-Spiel: Ein süßes Intermezzo, ein kurzer Parcours durch Genreklischees: Die britisch anmutende dunkelbraun-rot-grüne Landpartie im Regen, das amerikanisch daherkommende Autorace am Strand in hellblau-beige und knallrotem Cabrio, der neo-realistische Markteinkauf auf den Straßen von Little Italy, die morgendliche Café-Szene à la Nouvelle Vague. Doch es endet – wie angekündigt – in einem weiteren Spiel, einem weiteren Coup. Im Split-Screen. Einer ruft an, einer hebt ab, jemand fährt los, quer durchs Bild. Eine Bank wird ausgeraubt, Säcke werden verladen, Farbrauchbomben geworfen, während ganz oben links in ihrem Bildeck die Zwei noch immer am Lagerfeuer sitzen. Eine Gleichzeitigkeit von Jetzt und Gleich, die Handlungen wie Orte zusammenführt und mit Zeit auflädt – und somit Geschwindigkeit evoziert. Eine Geschwindigkeit, die nicht durch schnelle Schnitte entsteht, sondern sich in einem Bild ent-faltet, im Split-Screen. Fragmente einer Theorie der Zeit im Film.

Doch die The Thomas Crown Affaire ist allem voran ein Genre-Film, sixties-stylisch und gut durchkomponiert, der seine Geschichte nicht ganz ernst nehmen muß, um cool zu sein. Ein Gangster-Movie im Zeichen der Postmoderne. Vielleicht der erste seiner Art. 1968 – zu Zeiten von Bonny und Clyde, Außer Atem, wo selbst kleinkriminelle Helden noch für ihre Sehnsüchte, Befreiungsschläge oder Liebeleien sterben müssen. Im Kino wie in Realität. Thomas Crown ist frei davon. Keine Not, kein schlechtes Gewissen, kein Bedeutungspathos der Tat – nur Spiel. Ein Spiel-Film im besten Sinn des Wortes. 2011-01-19 16:27

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