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Fargo

USA 1996. R,B,S: Joel Coen, Ethan Coen. K: Roger Deakins. M: Carter Burwell. P: PolyGram, Working Title, Gramercy. D: Frances McDormand, William H. Macy, Steve Buscemi, Peter Stormare, Kristin Rudrüd, Harve Presnell, Tony Denman, Steve Reevis, John Carroll Lynch, Steve Park u.a.
98 Min.

Schneebetäubt

Von Frederik König Eine lästige, aber wichtige Alltagsfrage unserer Gesellschaft ist, wie man am besten eine Leiche verschwinden läßt. Es gibt vielerlei Methoden passend für jeden Anlaß: Manche verarbeiten zum Beispiel ihre Ehemänner zu Hamburgern und lassen sie von den Grillpartygästen verspeisen. Andere zersetzen den leblosen Körper ihres Opfers in einer Badewanne voll Säure und spülen sie in den Ausguß. Eine der besten Methoden jedoch ist folgende: Den toten Körper kopfüber in einen Schredder für Gartenabfälle einführen und die blutigen Reste kleinteilig auf dem Weiß des verschneiten Boden verteilen, so daß die dahingespränkelte Spur an ein Action-Painting von Jackson Pollock erinnert.

Auf eingangs beschriebene Weise versucht einer der beiden gesuchten Kleinkriminellen am Ende von Fargo seinen toten Kollegen verschwinden zu lassen. Ein in Finanznot steckender Gebrauchtwagenhändler hat die beiden Ganoven angeheuert, um seine eigene Ehefrau entführen zu lassen, damit der reiche Schwiegervater das Lösegeld berappt und ihm aus seinen Geldproblemen hilft. Aber sein Plan geht Schritt für Schritt gründlich schief. Eine schwangere Polizistin kommt langsam aber sicher auf die Fährte der mißglückten Entführung und kann Ehemann und Gangster schließlich aufspüren und stellen. Dies tut sie mit einer Ruhe, Entspanntheit und Eloquenz, die wohl kaum ein anderer Ermittler jemals an den Tag gelegt hat. Dabei muß sie sich durch einen Sumpf von dumpfbackigen, lethargischen und apathischen Rednecks wühlen, um die Wahrheit schließlich ans Tageslicht zu befördern.

Fargo wirkt ständig wie in Watte gehüllt. Die Aktionen seiner Protagonisten sind genauso skurril-lustig wie blutig und grausam. Dennoch gerät der Film in seiner dramatischen Struktur nie in ein Extrem, sondern ist eine gekonnte Gratwanderung zwischen verschiedenen Stimmungen und Genres. An Stelle von Klimax und Antiklimax oder einem Plotpoint nach dem nächsten, der die Handlung immer wieder zum Schaukeln bringen könnte, geht der Film konsequent mit seinen Figuren und deren Geschichten um. Ihr Schicksal scheint von Anfang an vorbestimmt und unausweichlich. Man kann es an den Figuren und ihren Akteuren direkt ablesen: William Macy spielt mit tragischer Konsequenz die gescheiterte Existenz des Ehemanns, Steve Buscemi verköpert in seiner fahrigen Art perfekt einen übernervösen Gangster, Frances McDormand gibt mit einem gleichgültigen Gesichtsausdruck den höchst schwangeren Sheriff. Das Geschehen ist ihr jedoch nicht gleichgültig. Sie steht vielmehr für einen Typus Mensch, der die guten wie die schlechten Ereignisse einfach akzeptiert und weitermacht. Deshalb scheint sie die ganze Angelegenheit recht kalt zu lassen. Immerhin gibt es ja wichtigeres, z. B. das Baby in ihrem kugelrunden Bauch.

Während manche Filme und ihre Geschichten so wirken, als habe man den Figuren eine Handlung aufgezwungen, die sie zu den Marionetten eines Regisseurs und seines Drehbuchschreibers macht, entwickelt sich hier der Plot aus den Figuren heraus. Die Gebrüder Coen, einzig lebender Beweis eines Autorenfilmers mit zwei Gehirnen, vertrauen ganz auf die Handlung und Dramaturgie, die scheinbar von selbst aus den Figuren entspringt und sprudelt. Die hohe Spannung des Films ergibt sich aus den gegenläufigen Bewegungen der Figuren und ihrer Handlungsstränge: Während der Ehemann sich mit jeder Aktion tiefer in den Mist reitet, kommt die Polizistin unaufhaltsam und entspannt wie eine werdende Mutter vor der Entbindung (die Nervösen sind nämlich immer die Männer) dem von Leichen gespickten Entführungsfall auf die Spur. Irgendwo dazwischen manövrieren sich die beiden Banditen mit der entführten Ehefrau durch den verschneiten Staat Minnesota und tragen ihren Teil zu dem Durcheinander bei.

Wie der tiefe Schnee in einer Winternacht die Schritte eines Spaziergängers schluckt, werden in Fargo die Aktionen und Reaktionen der Figuren gedämpft. Eine betäubende Aura scheint wie eine Schicht Schnee über den Gemütern zu liegen, die sich nach und nach auf den Zuschauer überträgt. Den Coens ist ein einzigartiger Film gelungen, der sich dem Zuschauer neben Handlung, Figuren, Darstellern durch die idyllischen und beruhigenden Bilder des verschneiten Minnesotas einprägt. Was als eines der letzten Bilder bleibt ist der blutige Schnee und das laute Kreischen eines Schredders im eisigen Wind. 2011-01-21 09:38

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