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Reservoir Dogs

USA 1992. R,B: Quentin Tarantino. K: Andrzej Sekula. S: Sally Menke. P: Live Entertainment, Dog Eat Dog Productions. D: Harvey Keitel, Tim Roth, Michael Madsen, Chris Penn, Steve Buscemi, Lawrence Tierney, Edward Bunker, Quentin Tarantino, Randy Brooks, Kirk Baltz u.a.
99 Min.

Like a virgin

Von Frederik König Es gibt Filme, die sind wie Kleinholz auf dem großen wilden Fluß der Filmgeschichte. Sie hinterlassen zumeist nur einen flüchtigen Eindruck und werden relativ schnell vom reißenden Strom der Historie mitgerissen, der sie aus unserem Sichtfeld und bald darauf aus dem visuellen Gedächtnis treibt. Es gibt jedoch auch Filme von dem Karat eines Mammutbaum-Stammes, die sich nur langsam bewegen und an schmalen Stellen des Flußbetts haken bleiben können, um auf ewig präsent zu bleiben. Solche Filme sind nicht notwendiger Weise strukturell, inhaltlich und technisch Meilensteine, haben jedoch oft den Effekt, daß manche Menschen durch sie animiert werden, selbst Filme zu machen. Vor allem naive – aber dadurch besonders innovative – frühe Filme oder Erstlingswerke junger Regisseure versprühen solch inspirierenden Charme. Dies liegt daran, daß die niedrigen Budgets dieser Filme zumeist umso mehr Kreativität, Improvisation und Mut zum Experiment erfordern. Dieser Mut, im eigenen Schaffen Neues zu wagen, entfacht einen Funken, der beim Betrachter nach dem Genuß eines solchen Werks den Wunsch zur Nachahmung entstehen läßt.

Der Film Reservoir Dogs ist ein solcher Film. Er ist das Erstlings-Regiewerk eines der letzten großen Autorenfilmer unserer Zeit: Quentin Tarantino. Tarantino wird wohl selbst irgendwann in seiner langjährigen Tätigkeit als Videothekar und Cinephiler von dem eingangs beschriebenen Funken getroffen worden sein. Bei Tarantino hat der Funken einen massiven Flächenbrand entfacht, der in jeder Sekunde seines Films zu spüren ist. Der Film handelt von einer Gruppe von sechs Dieben, die einen gemeinsamen Überfall planen, durchführen und sich nach dessen Mißlingen am vereinbarten Treffpunkt wiederfinden, um darüber zu rätseln, wer von ihnen der für das Scheitern verantwortliche Polizeispitzel ist. Erzählt wird das Ganze mit Hilfe von Zeitsprüngen, die sich episodisch zwischen der Zeit vor und der Zeit unmittelbar nach dem Überfall hin und her bewegen. Der Überfall selbst wird nie gezeigt. Tarantino beginnt schon in diesem ersten Werk, ähnlich Stanley Kubricks Heist-Movie Die Rechung ging nicht auf, mit Filmzeit, Kontinuität und Perspektiven zu spielen. Dieses Spiel mit den Mitteln der Montage macht die Spannung des Films aus, der auf einer relativ profanen Grundstory basiert. Neben der Montage sind es die Schauspieler (u.a. Harvey Keitel, Tim Roth, Steve Buscemi, Michael Madsen, Quentin Tarantino), ihre skurrilen Charaktere und die aberwitzigen Dialoge, die den Film, der in seiner räumlichen Reduktion fast einem Kammerspiel gleicht, zu einem unglaublich intelligenten Spaß machen.

Wenn es ein Film wirklich verdient hätte, endlich in einen bildungspolitischen Filmkanon aufgenommen zu werden, dann ist es Reservoir Dogs. Selten hat es ein Film geschafft, über das Spiel mit den filmischen Elementen und einer endlosen Zahl an Zitaten aus Kultur- und Filmgeschichte vorzuführen, wie man ohne aufgesetzt intellektuelle Note im dialektischen Prozeß aus dem Vorangegangenen im Konflikt mit dem Gegenwärtigen etwas Neues schafft. Selbst die Härte und das Ausmaß an Brutalität in Tarantinos Werk ist nie sinnloser Blutrausch, sondern dramaturgisch begründet und spricht in seiner Roh- und Wildheit das »Es« in uns allen an. In diesem Sinne erzeugt Reservoir Dogs ehrliche Reaktionen. Wenn Tarantino uns bei den brutalen und perversen Aktionen seiner Protagonisten immer wieder ein erregt-nervöses Lachen entlockt, dann merkt man, daß seine Bilder hier Gefühle und Gedanken ansprechen, die in jedem von uns schlummern und nur durch das Bewußtsein einer gesellschaftlich auferlegten Moral gebannt werden. So gesehen erfüllen Tarantinos Filme die therapeutische Funktion eines Katalysators. Dieser Katalysator darf gerne ein bißchen perverser und schmutziger sein als die Norm. Es wird ausgesprochen, was sonst im stillen Kämmerchen mancher Filmzuschauer-Hirne versteckt bleibt und dies führt bei ihm zur Identifikation mit den eigentlich durch und durch antiheldischen Figuren. Wenn beim Tischgespräch der Gangmitglieder Quentin Tarantino in einer Nebenrolle als Gangster eingangs den Song »Like a Virgin« von Madonna mit folgenden Worten erklärt: »Let me tell you what ›Like a Virgin‹ is about. It's all about a girl who digs a guy with a big dick. The entire song. It's a metaphor for big dicks« – dann beschreibt er indirekt als ehemalige filmische Jungfrau sein eigenes erstes Mal: Reservoir Dogs als pures, triebgesteuertes Kino. 2011-01-10 16:46

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