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Töte Amigo

El chuncho, quien sabe? I 1966. D: Damiano Damiani. B: Salvatore Laurani. K: Antonio Secchi. S: Renato Cinquini. M: Luis Bacalov, Ennio Morricone. P: MCM. D: Gian Maria Volonté, Klaus Kinski, Lou Castel, Martine Beswick, Jaime Fernández, Spartaco Conversi, Andrea Checchi u.a.
135 min.

Der Prae-Rainer

Von Frederik König Irgendwann Ende der 1960er Jahre gingen der junge Rainer Werner F. und sein Kumpel Ullrich L. nach einem Kneipenabend in das Münchner Arri-Kino in der Türkenstraße, um sich den Film Töte Amigo anzuschauen. Dieser italienische Western von Damiano Damiani aus dem Jahre 1966 handelte von einem amerikanischen Kopfgeldjäger, der sich zur Zeit der mexikanischen Revolution um 1900 in eine Bande mexikanischer Waffendiebe einschleicht, das freundschaftliche Vertrauen ihres Anführers gewinnt, um an den versteckten Führer und General der Revolution heran zu kommen und diesen umzubringen. Rainer-Werner und Ullrich lachten und weinten an denselben Stellen im Film und waren hinterher ganz gerührt von diesem einzigartigen Werk.

Für Rainer Werner war dieses Erlebnis jedoch mehr, als nur ein weiterer Kinobesuch zur kurzweiligen Befriedigung seines unstillbaren cinephilen Appetits. Töte Amigo war für ihn der Anstoß dafür, aus der bloßen Rezeption in die Aktion zu treten und sein eigenes filmisches Schaffen zu beginnen: Seinen ersten Film Liebe ist kälter als der Tod widmete Rainer Werner Fassbinder darum nicht nur den beiden Hauptfiguren des Films, er machte sich selbst und seinen Kumpel Ulrich Lommel zu den Darstellern der Hauptfiguren und ließ sie einen ähnlichen Konflikt erleben, wie ihn »El Chuco« und »El Gringo« ein paar Jahre zuvor durchgemacht hatten. Töte Amgio ist somit nicht nur ein einfacher actionlastiger italienischer Western, sondern stand am Anbruch Fassbinders kurzen aber effektvollen kinematografischen Lebens unter dem Motto: »Viele Filme machen – damit mein Leben zum Film wird«. Es stellt sich somit die Frage, ob man in Töte Amigo – neben seinen genretypischen Eigenschaften – sehen und spüren kann, was Fassbinder vor fast 40 Jahren so faszinierte und begeisterte.

Der Regisseur von Töte Amigo, Damiano Damiani, beteuerte immer wieder in etlichen Interviews, daß Töte Amigo kein Western, sondern ein politischer Film sein sollte. Diese politische Spur ist zwar nicht sofort erkennbar, wurde aber wahrscheinlich für Fassbinder zur Inspiration. Auf den ersten Blick ist Töte Amigo ein klassischer Revolutions-Western italienischer Machart. Er wurde an den typischen spanischen und italienischen Orten mit einem internationalen Cast, einem Score von Ennio Morricone, stumm und in dem eigens für den Italo-Western geschaffenen Techniscope, einer Abart des Cinemascope-Formats, gedreht. Der junge Kinski, der in vielen italienischen Western (u.a. Für ein paar Dollar mehr) Gastauftritte hatte, spielt hier »El Santo« – einen durchgeknallten religiös-fanatischen Bruder von »El Chuco« – und erinnert mit seiner Performance bereits an den späteren polarisierenden Auftritt in der Berliner »Jesus Christus Erlöser«-Inszenierung. Im Laufe des Films hinterlassen »El Chuco« und seine Leute eine breite Spur von Leichen, deren Zahl sich mit dem »Killcount« jedes modernen Action-Hits messen kann. Dies sind oberflächlich betrachtet alles Faktoren, die Töte Amigo zu einem unterhaltsamen und sehenswerten Film machen. Sein eigentlicher ›politischer‹ Mehrwert ist jedoch in der Handlung verborgen:

Die Freundschaft zwischen »El Chuco« und »El Gringo« hat schon in Töte Amigo einen latent homoerotischen Unterton, den Fassbinder in Liebe ist kälter als der Tod aufgriff, verstärkte und zur Dreiecksbeziehung mit einer zusätzlichen Frauenfigur ausbaute. Während eine solche Figur bei Töte Amigo noch fehlt, ist es hier Geld und Idealismus, die den Prüfstand für die Freundschaft der beiden bilden. »El Chuco« wandelt sich im Laufe der Handlung von einem gierigen Banditen und Waffenhändler zu einem überzeugten Revoluzzer, der die Leiden und Ungerechtigkeiten sieht, die sein Volk über sich ergehen lassen muß. Nach dem Tod des Generals, kann der Kopfgeldjäger »EL Gringo« seinen Freund »El Chuco« mit der Prämie, die auf den Kopf des Generals ausgesetzt war, wieder verführen und von seinen revolutionären Idealen abbringen. Kurz bevor die beiden neureichen Herren, fein herausgeputzt, mit dem Zug nach Amerika abfahren wollen, um das arme, wüste Mexiko hinter sich zu lassen, erinnert sich »El Chuco« wieder seiner politischen Ideale und der Revolution. Es kommt zum Showdown, den nur einer der beiden überleben kann.

»El Chucos« Figur steht für Idealismus und Freiheit, die jedoch arm bleiben muß, um ihre Unabhängigkeit zu behalten. »El Gringo«, der den Film als Gentlemen gekleidet betritt und verläßt, steht für den nach Wohlstand eifernden Bürgerlichen. Gefangen im marktwirtschaftlichen System muß er immer weiter nach mehr Geld streben, um seine Existenzängste für einen kurzen Moment beruhigen zu können. Fassbinder erkannte wohl schon sehr früh das Spiegelbild seiner eigenen Gesellschaft in Töte Amigo, sollte es doch zu einem zentralen Thema seines eigenen Schaffens werden. In diesem Sinne sollten auch wir alle mal wieder Töte Amigo gucken und wenigstens für die knapp zwei Stunden mit »El Chuco« zurück in das wüste Land unserer eigenen verschütteten Ideale reiten. 2011-01-08 14:22

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