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Robocop

USA 1987. R: Paul Verhoeven. B: Edward Neumeier, Michael Miner. K: Jost Vacano. S: Frank J. Urioste. M: Basil Poledouris. P: Orion Pictures. D: Peter Weller, Nancy Allen, Ronny Cox, Kurtwood Smith, Miguel Ferrer, Ray Wise, Paul McCrane u.a.
102 Min.

The Product with a Name

Von Asokan Nirmalarajah RoboCop beginnt und schließt mit einer abrupten, dynamischen Einblendung des etwas albernen, aber prägnanten Filmtitels, den die Drehbuchautoren Ed Neumeier und Michael Miner bereits als Arbeitstitel für unfreiwillig komisch hielten. Doch, so argumentierte damals die Marketing-Abteilung des Studios, wie ließe sich ein Science-Fiction-Actionfilm über einen ›Roboterpolizisten‹ auch besser vermarkten, als das Produkt beim Namen zu nennen? Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, daß der kommerzielle Erfolg des Films, der im Anschluß nicht nur zum Merchandising-Phänomen avancierte, sondern auch zwei Sequels (1990 und 1993), einige Fernsehserien, Videospiele und Comic-Adaptionen folgen ließ, seinem einprägsamen Produktnamen geschuldet ist. Ist die große existentielle Frage im Zentrum der hochemotionalen Geschichte, die RoboCop erzählt, doch die, worüber sich der Titelheld definiert: über seine ihm brutal entrissene menschliche Vergangenheit als Ehemann und Vater oder über seine gegenwärtige Funktion als die hochtechnologisierte Waffe eines Riesenkonzerns zur Beseitigung von Straßenkriminalität in einem dystopischen Detroit der nahen Zukunft. Im Unterschied zu den begeisterten Fans des mechanisierten Gesetzeshüters auf und vor der Leinwand will der von Paul Weller verkörperte Straßenpolizist Murphy gerade kein ›RoboCop‹, ein fremdgesteuertes Produkt der allmächtigen Rüstungsfirma OCP (Omni Consumer Products) sein, die mit Hilfe der von ihr finanzierten städtischen Polizei das postindustrielle Detroit sanieren will. Diese profitorientierte Gentrifizierung der Stadt durch die kaltblütigen Yuppies vollzieht sich, wie nicht anders zu erwarten, auf dem Rücken der Working Class, im Film vertreten durch die chronisch unterbezahlten, streikhungrigen Cops. Mit RoboCop liegt so auf dem ersten Blick eine weitere antikapitalistische Hymne des amerikanischen Kinos der 1980er Jahre auf die unmündige Working Class vor, für die eine Figur wie Murphy, der sich heldenhaft einer Vereinnahmung und Kommodifizierung durch ein inhumanes, hyperkapitalistisches System widersetzt, zum idealen Rächer wird.

Wie viele seiner Filme bezieht das selbstironische Special-Effects-Spektakel, mit dem der niederländische Regisseur Paul Verhoeven ein furioses US-Debüt gab, seine Spannung aus dem Konflikt zwischen der Selbstbestimmung einer individualistischen Hauptfigur und der Fremdbestimmung durch ein bizarres soziales Umfeld. Daß die aggressiv-satirische und meist grotesk-plumpe Sozial- und Medienkritik Verhoevens sich auch in seiner nach eigener Aussage besten amerikanischen Produktion christlicher und faschistischer Ikonografien bedient, überrascht nicht. Die nur im Director’s Cut in ihrer ganzen Brutalität zu sehende ›Kreuzigung‹ Murphys und seine Wiederkehr als ›auf dem Wasser gehende‹ Heilandsfigur spiegelt auch die perfide Faszination des Auteurs für die Fragilität des menschlichen Körpers und seinem inhumanen Einsatz als Kampf- (Starship Troopers, 1997), Tanz- (Showgirls, 1995) oder Sexmaschine (Basic Instinct, 1992). Und auch wenn Verhoeven die unterschwellige faschistoide Hysterie von RoboCop später mit Drehbuchautor Neumeier in der Robert-Heinlein-Adaption Starship Troopers noch um einiges radikaler, böser und konsequenter in Szene setzen würde, gehören zu den unfreiwillig komischen, doch eine Spur zu eindimensional gestalteten Bösewichtern des Films neben der schießwütigen Straßengang um den irren Raubmörder Kurtwood Smith und den gefühllosen Anzugträgern aus den Chefetagen von OCP um den diabolischen Vorsitzenden Ronny Cox auch der unsichtbare Staat und die allerorts präsenten Medien, die es zulassen, daß diese Kriminellen der unteren und oberen Klassen die Stadt unter sich aufteilen. Rettung verspricht da der anonyme, integre Working-Class-Hero RoboCop, dessen individueller Gerechtigkeitssinn trotz der Manipulation von Geist und Körper durch andere intakt bleibt.

Als die filmisch aufregende, dramaturgisch mitreißende und nicht selten auch absurd-komische Geschichte über die individuelle Selbstbehauptung eines Antihelden, mit dessen Vergangenheit auch seine Identität in weite Ferne gerückt ist, handelt es sich bei RoboCop in vielerlei Form um einen Neo-Western im futuristischen Gewand. RoboCop, der sich als postmoderner Sheriff einer gesetzlosen Frontierstadt der Infantilisierung durch OCP zur Wehr setzt, die bereits seinen Konkurrenzroboter Ed-209 zu einem unbeholfenen Baby gemacht hat, steht in der Tradition des »man with no name«, einem Archetypus des Westernfilms, und der Titel den die von Clint Eastwood gespielten Protagonisten aus Sergio Leones Dollars-Trilogie im US-Marketing der 1960er Jahre trugen. Die klassisch amerikanische Geschichte über die Identitätsfindung eines unbeugsamen Helden endet so auch damit, daß er in einem triumphalen Moment zum ersten Mal wieder seinen Menschennamen benutzt (OCP-Präsident: »Nice shooting, son. What’s your name?« – RoboCop: »Murphy«.) und sich dadurch aus jenen Systemen befreit, die ihm seine Identität geraubt haben. Direkt darauf folgt aber eine Einblendung des Titels des Films, die diese Sicherheit wieder untergräbt. Damit greift hier ein letztes Mal die attraktive Doppelstruktur aller amerikanischen Hochglanzproduktionen Verhoevens, die sich zum einen als wilde, comichaft überhöhte Spektakel, zum anderen aber auch als selbstironische Abgesänge auf die darin vermittelten Ideologien goutieren lassen. 2010-11-23 16:49

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