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Die fabelhaften Baker Boys

The Fabulous Baker Boys. USA 1989. R,B: Steve Kloves. K: Michael Ballhaus. S: William Steinkamp. M: Dave Grusin. P: Gladden Entertainment, Mirage, Tobis. D: Jeff Bridges, Michelle Pfeiffer, Beau Bridges, Ellie Raab, Xander Berkeley, Dakin Matthews, Ken Lerner, Albert Hall, Jennifer Tilly u.a.
114 Min.

Die Eleganz vergangener Dinge

Von Daniel Bickermann Es gibt eine Eleganz der veralteten Dinge, eine romantische Ästhetik des Verbrauchten, Obsoleten, Heruntergekommenen. Man erkennt sie in den ausgewaschenen Farben und unmodernen Einrichtungen zweitklassiger Hotel-Lounges, in den traurigen Spelunken, und in den Gesichtern müder Musiker. Der Kameramagier Michael Ballhaus, hier auf der Höhe seiner Kunst, steht Edward Hopper in nichts nach in seiner Romantisierung des Verfalls: Seine Bilder sind so samtig wie gereifter Whiskey, jede Bewegung ein bißchen behäbig und doch vollendet kunstvoll, wie der berühmte Stepptänzer aus dem Lied, der für ein paar Drinks und Trinkgeld mit herzzerreißender Lebenserfahrung seine letzte Runde tanzt.

Mitten in die ekelhaft flippigen Spätachtziger setzte Steve Kloves diesen tragikomischen Abgesang, diese Hommage an die alte Schule des Showbiz, als es noch genuin erotische Frauen gab, die mit rauchiger Stimme Klassiker des Slowjazz in traurige Bars und Hotel-Lounges hineinhauchten und von verlebt aussehenden Männern im Smoking am Klavier begleitet wurden, denen eine tragische Zigarette im Mundwinkel hing. Damals wurde ein großes Buhei um Michelle Pfeiffer gemacht, die ihre Songs mit mehr Laszivität als Stimme selbst sang und sich dafür eine Oscar-Nominierung abholte. Heutzutage wundert man sich eher über ihr schauspielerisches Geschick, das sie seitdem kaum noch einmal so kondensiert und spielerisch vorführen durfte. Vor allem aber fragt man sich heute, wie die Zeitgenossen damals Pfeiffer und Ballhaus mit Preisen überhäufen konnten und die perfekt temperierte und ganz fein ausbalancierte Performance von Jeff Bridges übersehen konnten. Selbst sein Bruder Beau Bridges, der hier eine solide Rolle als komischer Sidekick hat, erhielt für den Film Preise. Andererseits ist man es beinahe gewöhnt: Man fragt sich auch bei Ansicht ähnlich ikonischer Bridges-Rollen wie The Big Lebowski, König der Fischer oder Fearless, für die er ebenso leer ausging, warum dieses Juwel von einem Schauspieler 40 Jahre auf einen Oscar warten mußte. Ob Komödie, Drama oder Tragödie, Jeff Bridges ist und bleibt der unterschätzte Meistermime der Traumfabrik.

Vielleicht paßt er auch deswegen so gut in diese Ballade auf die ewigen Verlierer, die mitten in ihrer Erfolgssträhne merken, daß sie das alles eigentlich nie wollten. Daß die Baker-Brüder dabei vor halb komischer, halb mitleiderregender Chemie nur so sprühen, mag der Vertrautheit des tatsächlichen Bridges-Bruderpaar geschuldet sein. Daß aber Jack Bakers halbherziger Flirt mit der halbseidenen Sängerin Suzie so prickelt, daß seine ihm selbst langsam erst bewußtwerdende Selbstaufgabe so wahrhaftig und anrührend wirkt, daß sein bürgerlicher Bruder mehr ist, viel mehr als nur sein spießiges Gegenstück – das alles verdankt man dem durchweg subtil-raffinierten Schauspiel, das verdankt man den atemberaubend spiralisierenden Fahrten und Detailaufnahmen von Ballhaus – und das geht vor allem aufs Konto von Autor und Regisseur Steve Kloves, der hier wirklich eine ganze Welt – von den Einrichtungen über die Dialoge bis zur Schauspielführung – aus einem einzigen, flüssigen Guß erschafft.

Was ist aus dem eigentlich geworden? Steve Kloves hat sich eine der lukrativsten Auszeiten der Filmgeschichte genommen: Nach seiner herausragenden Adaption des Wonder Boys-Romans für Curtis Hansons Film wurde er auserkoren, die komplette Harry-Potter-Reihe zu Drehbüchern zu verarbeiten, womit er seit der Jahrtausendwende gut beschäftigt war. Er macht einen ordentlichen Job, und die Verdienste seien ihm von Herzen gegönnt, dennoch kommt man nicht umhin, den Filmemacher Kloves zu vermissen, der uns vielleicht auch in dieser Zeit der Plastik- und Computerfilme die Schönheit des Verfalls nahebringen könnte, die Ästhetik vergangener Dinge wie rauchiger Frauenstimmen, schmieriger Hotel-Lounges und Männer im Smoking, denen eine tragische Zigarette im Mundwinkel hängt. 2010-11-02 17:31

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