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Hass

La Haine. F 1995. R,B,S: Mathieu Kassovitz. K: Pierre Aïm. S: Scott Stevenson. M: Assassin. P: Canal+, Cofinergie 6, Egg Pictures u.a. D: Vincent Cassel, Hubert Koundé, Saïd Taghmaoui, Abdel Ahmed Ghili, Benoît Magimel, Arash Mansour, Mathieu Kassovitz u.a.
96 Min.

Bis hierher lief's noch ganz gut

Von Sven Lohmann 1995 konkurrierten bei den Filmfestspielen von Cannes im Wettbewerb zwei Filme über Jugendliche aus der Unterschicht, die doch qualitativ unterschiedlicher kaum sein könnten: der US-amerikanische Kids und Mathieu Kassovitz' zweiter Langfilm Hass. Betreffs der Goldenen Palme zogen beide gegen Emir Kusturicas Underground den Kürzeren, zumindest aber gewann Hass, mehr als verdient, den Preis für die Beste Regie. Später sollte Kassovitz dann halbgare Genreklamotten machen wie Die purpurnen Flüsse oder Gothika, und eigentlich eher als Schauspieler bekannt werden. 1993 war ein Bekannter von Kassovitz beim Polizeiverhör erschossen worden und dieser Vorfall bewegte ihn zum Drehbuch zu Hass: Er wollte die Spannungen zwischen den Jugendlichen der Pariser Vororte und der Polizei greifbar machen, die latent schon lange schwelten.

Gerade nach den Unruhen in Frankreich 2005 erschien Hass noch zeitloser als ohnehin. Einen Tag lang verfolgt die Geschichte das Leben dreier Jugendlicher: Der Jude Vinz, der Schwarzafrikaner Hubert und der Araber Saïd gehören zu den Franzosen, deren Familien die Politik als unerwünschte »Kulturbereicherer« in die schäbige Banlieue von Paris outgesourcet hat. Den Tag nach einer heftigen Unruhe ist die Lage dort immer noch gespannt: Ein Jugendlicher aus dem Viertel wurde von der Polizei lebensgefährlich verletzt. Für die drei Freunde entzünden sich daran zunächst zentrale Fragen – Hubert sieht sein idealistisches Weltbild erschüttert, weil Randalierer seine gemeinnützige Boxhalle verwüstet haben; Vinz dagegen kommt endgültig zur Überzeugung, es müsse mal ordentlich Blut fließen, damit sich etwas ändert. Hass ist aber nicht allein eine lebensnahe Milieustudie über Langeweile, Perspektivlosigkeit und Frust – vielmehr ist der Film ein umfassendes Gesellschaftsportrait aus der Perspektive jener Menschen, die man hierzulande ja wohl »Prekariat« zu nennen sich gefällt. Er ist eine bissige Galerie denkwürdiger Begegnungen in der Banlieue und in Paris, die wie nebenher die gesellschaftliche Situation analysiert – die Figuren bleiben hier dankenswerterweise nicht in ihrem Mikrokosmos stecken, um von oben begafft zu werden, sondern sie kollidieren mit der restlichen Gesellschaft, und das ist einer der Verdienste von Hass.

Mit trister schwarz-weißer Vorstadtoptik und beinahe dokumentarischem Erzählton orientiert Kassovitz sich am Sozialrealismus, peppt dieses ästhetische Konzept aber auf mit eigenwilligem, lebendigem Videoclipstil, mit reichhaltigen Regieeinfällen und höchst kunstfertiger Kameraarbeit; paart die Schlichtheit des Realismus mit dem Gewicht des Stilwillens. Auf engstem Raum werden hier Charaktere verdichtet, unfaßbare Dialoge pointiert inszeniert: Hass erweist sich als einer der intensivsten, fesselndsten und künstlerisch besten Filme seiner Zeit. Auch von Belang ist dabei natürlich die außergewöhnlich gute Besetzung; Vincent Cassel liefert hier als cholerischer Prolet in seiner ersten großen Rolle eine geradezu übermenschliche Leistung ab. Und anders als manch vergleichbarer Film, der vor allem wahlweise Betroffenheit oder Klischees produziert, nimmt Hass seine Figuren jederzeit hundertprozentig ernst. So sieht – kurzum – großes Kino aus, das wirklich etwas zu sagen hat. 2010-10-27 16:43

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