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Wall Street

USA 1987. R,B: Oliver Stone. B: Stanley Weiser. K: Robert Richardson. S: Claire Simpson. M: Stewart Copeland. P: Twentieth Century Fox, American Entertainment, Amercent Films. D: Charlie Sheen, Michael Douglas, Martin Sheen, Terence Stamp, Daryl Hannah, James Spader, Sean Young, John C. McGinley, Hal Holbrook u.a.
126 Min.

Im Namen des Vaters

Von Daniel Bickermann Sex und Geld waren nie so eng verknüpft. Wie in Swingers, wo die Hauptfiguren das Wort »money« als Adjektiv für alles Geile nahmen, oder in Hallgrimur Helgassons legendärem Roman »101 Reykjavík«, wo der Protagonist jeder Frau, die er auch nur auf der Straße oder im Fernsehen sieht, einen Geldwert zuordnet, so steht auch der junge, gierige Banker Bud Fox vor seiner Trophäenfreundin, die über Kunst redet und über Inneneinrichtung, und Bud Fox denkt nur: Money. Als nächstes streift sein Blick, als POV wenig subtil vorgegeben, ihr weit ausgeschnittenes Kleid. Wo er das wohl herhat, wird einige Szenen vorher klar: Sein Mentor zeigt ihm einen bildschönen Sonnenuntergang am Strand und läßt dann Sätze in dieser Reihenfolge los. Erstens: »Dieser Sonnenaufgang ist schöner als jedes Gemälde.« Zweitens: »Ich werde dich reich machen.« Drittens: »Reich genug, um dieses Mädchen zu kriegen.« Immobiliengeschäfte sind vielleicht besser als Sex, aber warum entscheiden, wo das eine doch das andere bedingt?

Im Prinzip hat Oliver Stone nach seinem stark autobiographisch geprägten Durchbruch mit Platoon hier die gleiche Geschichte noch einmal verfilmt und vom vietnamesischen Dschungel ins New Yorker Haifischbecken der Hochfinanz verpflanzt. Wieder ist Charlie Sheen die Folie des jungen, orientierungslosen Amerika, damals im Krieg, heute in den Reaganomics, wo er allerdings auch gleich zu hören kriegt: »Das ist Krieg, da draußen.« Wieder muß der Protagonist wählen zwischen den beiden Vätern, dem finsteren, aber schillernden, und dem guten, gerechten, aber auch schwachen. In Vietnam war das die amoralische Kriegsmaschine Sgt. Barnes, der diesen Krieg zwar gewinnen, dafür aber jegliche Werte verlieren würde, oder der charismatische Einzelkämpfer Sgt. Elias, der zwar fähig ist, diesen Krieg zu führen, aber genau versteht, daß er das Ende von Amerika und von ihm selbst sein wird. In Wall Street übernehmen diese Rollen der funkelnde, herrlich diabolische Überkapitalist Gordon Gecko und der tatsächliche Vater der Figur und des Hauptdarstellers, Martin Sheen als ehrlicher, bescheidener Arbeiter und Gewerkschaftsführer.

Das ist in Stones Weltbild so verankert – die Netten kommen nicht weit, die Bösen sind die interessanteren – und am Schluß muß man sie doch töten. Umso überraschender, daß Stone nie propagierte, man solle sich für den Guten entscheiden und so die Welt eine Stufe besser machen. Das wäre ihm zu einfach – er ließ seine jungen Helden immer eine Synthese zwischen Licht und Schatten suchen. Der Held mußte sich für den Bösen entscheiden, den Guten sterben sehen und den Bösen dann selbst töten. Der Mord am grausamen Übervater war immer nur die legitime Abnabelung von ihm, in der einzigen Art und Weise, die dieser auch verstehen konnte. Diese martialische Art des Umgangs mit Schuld, Autorität und Moral, das war im Hollywood der 1980er und 1990er Jahre dann doch überraschend – was sollte ein junger Mann von einem kaltblütigen Schlächter wie Sgt. Barnes oder einem Gier predigenden Finanzhai wie Gordon Gecko eigentlich lernen? Die Rechnung würde nie aufgehen, hätte Stone nicht so schillernde und in gewisser Weise auch überzeugende Figuren auf diesen Positionen geschaffen – Menschen, die wir verachten und doch bewundern.

Gleichzeitig hat Stone hier einige Verbesserungen gegenüber dem Platoon-Handlungsmodell eingeführt. Zum einen hat er in Michael Douglas einen Darsteller, der das schmierige Finanzmonster so ungebremst spielt, daß seine magnetische Anziehungskraft auf die Hauptfigur mehr als verständlich wird. Zum anderen hat er eine direktere Rivalität der beiden Vaterfiguren: Ihre Konfrontation ist denn auch die erstaunlichste Szene des Films. Vor allem aber hat er seinen Protagonisten vom unschuldigen Idealisten zum raffgierigen Amoralisten umgemünzt. »Genauso hast du als Kind beim Schlafen gelächelt«, sagt der Vater, während der Sohn grinsend über sein erstes illegales Insidergeschäft nachdenkt. Die Väter mögen im Widerstreit liegen, aber die Kinder sind nicht mehr nett – Kinder sind unschuldig und orientierungslos, aber nicht nett. Bud Fox verkauft nicht seine Mutter, aber seine Familie, bis er endlich scheußliche Yuppie-Kunst an den Wänden, eine platinblonde Gebrauchtfrau und seine eigene Sushi-Maschine zu Hause hat. Wall Street ist vielleicht die Geschichte einer Verführung, aber auch die Geschichte eines Helden, der sehnsüchtig darauf wartet, endlich auf die dunkle Seite zu wechseln.

Der Rest ist Schaulaufen. Die hektischen Kamerabilder sind elegant geschnitten, die Dialoge wimmeln vor legendäre gewordenen Einzeilern wie »Mittagessen ist was für Versager« und »Wenn du einen Freund brauchst, kauf dir 'nen Hund«, und in den Nebenrollen glänzen James Spader als schmieriger Anwalt (damals schon…), Terence Stamp als zwielichter Investor und vor allem John C. Mcginley, der ADHS'ler unter den Hollywoodschauspielern, der abwechselnd abrupte Wutanfälle, Stimmungsumschwünge und raumgreifendes Overacting zu einer begnadeten Mischung einschmolz – noch so ein vergessener Filmgott und noch so ein Grund, diesen Film zu schauen. 2010-10-04 12:48

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