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Was der Himmel erlaubt

All That Heaven Allows. USA 1955. R: Douglas Sirk. D: Peg Fenwick, Edna L. Lee, Harry Lee. K: Russell Metty. S: Frank Gross, Fred Baratta. M: Frank Skinner. P: Universal. D: Jane Wyman, Rock Hudso, Agnes Moorehead, Conrad Nagel, Virginia Grey, Gloria Talbott, William Reynolds, Charles Drake u.a.
89 Min.

All that Cinema Allows

Von Martin Holtz Auch wenn Was der Himmel erlaubt eine Fülle von einprägsamen Szenen besitzt, ist eine doch besonders hintergründig: Als die Witwe Cary Scott (Jane Wyman), deren Liebe zum jüngeren Gärtner Ron (Rock Hudson) von der engstirnigen Vorstadtgesellschaft nicht toleriert wird, am Weihnachtstag Besuch von ihren versnobten Kindern bekommt, schenken diese ihr voller Stolz die neueste technologische Errungenschaft für einsame Hausfrauen: einen Fernseher. Der Verkäufer säuselt: »All you got to do is turn that dial and you have all the company you want, right there on the screen. Drama, comedy, life's parade at your fingertips«. Dazu zeigt die Kamera Wymans blasse Reflexion im Rahmen des TV-Bildschirms. Dieses Bild verdeutlicht nicht nur die Isolation des Individuums in der modernen Medienwelt, es steht auch symptomatisch für den Siegeszug des Fernsehens Mitte der 1950er Jahre, den Hollywood mit Unbehagen zur Kenntnis nahm. Mehr noch als die aufwendigen Breitwandspektakel der Zeit illustriert die Szene die ästhetischen Vorzüge des Kinos gegenüber den Schwarzweiß-Flackerbildern des kleinen Bildschirms.

Douglas Sirk zieht sämtliche Register, die die große Leinwand aufzubieten vermag. Mit grellem Technicolor, prunkvollem Dekor und herzzerreißender Musik erzählt er seine kitschige Liebesgeschichte. Dieser formale Exzeß läßt sich, wie in so vielen Melodramen der Zeit, nach freudschen Theorien als Projektion der unterdrückten Gefühle der Hauptfigur interpretieren. Das exzellente Remake Dem Himmel so fern (2002) verstärkt die damit implizierte Gesellschaftskritik noch, scheitert das Liebesglück hier doch nicht nur an sozialer Intoleranz gegenüber Klassen- und Altersunterschieden sondern auch an Homophobie und Rassismus. Allerdings versagt Sirks Film als Anklage konservativer Moralvorstellungen kläglich. Zwar muß sich das verhinderte Liebespaar jede Menge Geschwätz von den grotesk unsympathischen Schickimicki-Nachbarn gefallen lassen, aber wenn der Film eine Botschaft hat, dann die, daß Liebe, wenn sie nur stark genug ist, alle Hindernisse überwinden kann.

Was der Himmel erlaubt ist aber tatsächlich viel subversiver als das Remake, dessen pastellfarbenes 1950er Jahre Milieu kaum auf die heutige Zeit anwendbar ist. Sirk kritisiert weniger die Gesellschaft, sondern vielmehr die heuchlerische Ideologie Hollywoods, in dessen Universum sich sämtliche gesellschaftliche Probleme in Wohlgefallen auflösen, sobald das Happy End ansteht. Die naiven Lösungsstrategien des amerikanischen Unterhaltungskinos, nach dem Motto »Wenn du nur an dich glaubst, dann schaffst du es auch«, werden im Film karikaturesk überhöht. Die barocke Bildsprache funktioniert hier also weniger als Projektion von unerfülltem Verlangen, sondern als bissige Satire, die die lustvoll vorgeführten Klischees als künstliche Wunschvorstellungen entlarvt.

Zusammen mit den Sirk-Klassikern Die wunderbare Macht (1954), In den Wind geschrieben (1956) und Solange es Menschen gibt (1959) verkörpert Was der Himmel erlaubt den manieristischen Scheitelpunkt des klassischen Hollywood-Kinos. Man kann sich als Zuschauer hemmungslos dem grandios inszenierten Kitsch hingeben oder die selbstreflexive Kritik an ästhetischen Konventionen würdigen. Und das ist sogar im Fernsehen ein Hochgenuß. 2010-09-29 17:10

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