— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Weekend

Week End. F/I 1967. R,B: Jean-Luc Godard. K: Raoul Coutard. S: Agnès Guillemot. M: Antoine Duhamel. P: Comacico, Films Copernic, Lira Films u.a. D: Mireille Darc, Jean Yanne, Jean-Pierre Kalfon, Jean-Pierre Léaud, Daniel Pommereulle, Jean Eustache, Blandine Jeanson u.a.
105 Min.

Das Ende des Kinos

Von Sven Lohmann Weekend, das ist nicht nur das Ende der Woche; es ist das Ende der Kunst, das Ende der Welt, wie wir sie kennen, der Inbegriff der Postmoderne, auf die Spitze getriebene Avantgarde. Weekend ist gewissermaßen eine Gelenkstelle in Godards Oeuvre. Zuvor drehte er seine namhaften Klassiker der Nouvelle Vague wie Außer Atem, Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß, Elf Uhr nachts oder Die Verachtung. Danach kamen zunehmend unkonsumierbare – und auch wenig beachtete – Filme, die sich nicht mehr als Kunst im Dienste der Unterhaltung und ihrer selbst begriffen, sondern als revolutionäres Instrument. In Weekend jedoch stellt sich nicht nur beispielhaft die Frage, wieviel revolutionäres Potential Film eigentlich habe – sondern auch noch Godards Vorliebe für US-Genrefilme, deren Klischees er mit seinem äußerst skurrilen Stil kunstvoll verfremdet.

Wie sähe die Wirklichkeit aus, wenn sie ein Genrefilm wäre? In Weekend versteht sich der Alltag als Film – im Sinne eines kapitalistischen Industrieprodukts. Und so wird in Weekend die Wirklichkeit zu einer Parodie auf den Film an sich. Die Handlung ist im Grunde kaum wiederzugeben. Grob gesagt will das wohlhabende Ehepaar Roland und Corinne eigentlich nur übers Wochenende zu Corinnes Mutter aufs Land, um das ebenso üppige wie ersehnte Testament entgegenzunehmen. Doch schon der Beginn der Reise läuft völlig aus dem Ruder: »Ein widerlicher alter Facel!«, wird Rolands Auto vom Nachbarsjungen bepöbelt, »Beschissen! Wie Ihre Frau!« Die Begegnung artet in einer Schießerei mit den Nachbarn aus, und so geht das Wochenende dann auch weiter: In Weekend, so bringt es Janis El-Bira treffend auf den Punkt, »ist jeder, wirklich jeder Konflikt eine aufs äußerste Extrem getriebene Angelegenheit auf Leben und Tod.« So gestaltet sich die Reise als Odyssee durch eine materialistisch geprägte Gesellschaft, die sich endgültig kaputtkonsumiert hat und nach allen Regeln der Kunst im Zerfall begriffen ist.

Die Landschaft ist übersät mit brennenden und ausgebrannten Autowracks nebst Leichen; Corinne und Roland geraten auf ihrer Reise erstmal in einen irrwitzigen Verkehrsstau, an dem Godard in einem der berühmtesten Tracking Shots der Filmgeschichte acht Minuten lang entlangfährt. Das Auto ist hier Sinnbild der geradezu rationierten Vereinzelung des Menschen im Industriezeitalter, und Godard stellt überspitzt die Amoralität dar, die für ihn daraus folgt: Hier stirbt jeder für sich allein – und idealerweise im Auto. Zwischen den leitmotivischen abstrusen Gewaltausbrüchen (einer der Höhepunkte: der Gastauftritt von Jean-Pierre Léaud) präsentiert sich Weekend regelrecht als nihilistische Revue des gesellschaftlichen Umbruchs, in den Corinne und Roland hineingeraten. Als sie ihrerseits nach einem Unfall liegenbleiben und zu Fuß umherirren, finden sie ausgerechnet Anschluß bei Malcolm X rezitierenden Müllmännern, oder bei dem Pianisten, der auf einem Bauernhof vorm Misthaufen Mozarts Klaviersonate in D-Dur intoniert; schließlich bei einer Gruppe kannibalischer Terroristen, die in Anlehnung an das Stereotyp eines Naturvolks im Wald lebt und die zivilisierte Welt hinter sich gelassen hat.

Weekend ist eine Karikatur der Wohlstandsgesellschaft, wie sie extremer kaum vorstellbar ist. Godard verstößt dabei lustvoll gegen so ziemlich jede der westlichen Zivilisation bekannte Sehgewohnheit seit Griffith und inszeniert Weekend, wie auch andere seiner Filme, mit Schrifteinblendungen, experimenteller Montage und größtenteils in langen Totalen. Wirklichkeit und Film werden hier ununterscheidbar: Eine Actionszene verläuft inhaltlich wie im Hollywoodfilm, mit Blei in der Luft und Autos als Deckung – formal aber zeigt Godard die Szene extrem zurückgenommen und fast dokumentarisch in einer einfachen Plansequenz. Dieser Zusammenprall von Genrekonventionen, Realismus und Godards ausgefallenen Regieeinfällen ist charakteristisch für Weekend: Ein experimentelles Roadmovie, höchst respektlos dem Zuschauer gegenüber und maximal unkonventionell, mit Anspielungen an Freud und Marx gespickt. Das alles ist abgrundtief böse, hochgradig verstörend – und dabei übrigens tierisch witzig. Weekend ist vielleicht der abgefahrenste, radikalste und rundum unglaublichste Film, der es halbwegs in den allgemein anerkannten Kanon geschafft hat. 2010-09-21 15:08
© 2012, Schnitt Online

Sitemap