Den Aufstand geprobt
Von Alexander Scholz
Was sieht man, wenn man etwas ohne Deutungsabsicht betrachten soll? Man behauptet natürlich erst einmal, man sähe gar nichts. Dann stellt man dümmliche Fragen. Was gäbe es denn da zu entdecken? Auf was solle man denn nun achten? Könnte vielleicht doch bitte jemand eine Bildlegende besorgen? Am besten innerhalb der Einrahmung anbringen, dann kann man zwischendurch noch einmal kurz spicken, um sich zu versichern.
Es gibt einige Szenen in
Eine Frau ist eine Frau, in denen man mit dem Wunsch, dem Gesehenen Bedeutung aufzudrängen, nicht besonders weit kommt. Das Tempo des Films erschwert das Vorhaben überdies. Man versucht Distanz zu gewinnen, nach Erklärungen zu suchen. Was man bekommt ist ein junger Herr, der in seiner Wohnung mit einem Rennrad um den Essenstisch kurvt und einen anderern Monsieur, der ernsthaft Lubitsch mit Nachnamen heißt und keine Zeit hat, die Freundin seines Kumpels zu schwängern, weil
Außer Atem im Fernsehen läuft. Natürlich wird letzterer von Jean-Paul Belmondo gespielt. Lässig an einer Bar lungernd wird er einige Minuten später Jeanne Moreau anquatschen und fragen, wie es denn mit
Jules und Jim so laufe. Die trügerische Distanz, die Godard zwischen den Zuschauern und seinen Figuren erzeugt, wird sofort wieder durch die verzaubernde Komplizenschaft der Schauspieler mit dem Publikum kassiert. Das streitende Paar hadert zwischendurch, ob es sich nicht zieme, sich vor der Auseinandersetzung höflich in die Kamera vorzustellen. Außerdem: Befinden wir uns gerade in einer Komödie oder einer Tragödie – ein gutes Thema für das nächste Wortgefecht. Es reicht offenbar nicht, die Gemachtheit der Bilder vorzuführen. Das, was sie zeigen, muß als genauso bewußt vorgetäuscht verraten werden. Wenn Angela bzw. Anna Karina also weinend und jammernd an einer Wand lehnt und diese Szene anschließend noch einmal wiederholt, ohne daß etwa geschnitten worden wäre: Exponiert der Film dann den vermeintlich illusorischen Anspruch des Mediums oder ist selbst dieser Probecharakter eigens inszeniert? Wenn das junge Paar am Tisch sitzt und die Aussprache einzelner Buchstaben trainiert, fällt die Antwort auf diese Frage zwar schon etwas leichter. Es folgen jedoch Einstellungen, denen man zunächst einen dokumentarischen Charakter zuschreiben möchte, die dann aber vor allem zeigen, wie die Menschen auf den Pariser Boulevards sich verhalten, wenn jemand eine Kamera auf sie richtet. Alles erscheint vorläufig. Keine plastische, keine psychologische, sondern eine dialektische Realität. Weil die Filmsprache längst kompromittiert und verhunzt ist, kann man sie nur noch symbolisch verwenden.
Natürlich ließ Godard seine Schauspieler am Set viel improvisieren. Andererseits darf das nicht darüber hinwegtäuschen, daß
Eine Frau ist eine Frau auch viele Eckpunkte, viele Konstanten hat. Der Regisseur verarbeitet beispielsweise das Musical, das sich als filmisches Genre in Europa nie wirklich durchgesetzt hat. Freilich bricht er auch hier die Regeln statt neue zu etablieren. Es ist trotzdem vielmehr die Suche nach der ausgeglichenen Beziehung von Bild und Ton als das reine Verfremden, das diese Bild- und Tonmontagen ausmacht. Der Einsatz der abgehackten Klangfragmente und der unstete Einsatz extradiegetischer Musik sind wohlüberlegt. Schlendert Angela selbstvergessen durch Paris darf sie das auch einmal kurz mit Musik tun. Zieht sie sich in ihrer Berufung als Stripperin direkt vor der Kamera aus, darf sie zwar noch leise singen, instrumentale Begleitung wird ihr aber weitgehend verwehrt.
In Godards erstem Film in Farbe ist auch dessen Komposition relativ gleichbleibend: blau, weiß, rot. Ganz so als hätte es noch eines Beweises bedurft, daß Zitiertes und Zitierender bei Godard immer gleichzeitig anwesend sind, sind die Farben der Trikolore und der Stars and Stripes maßgeblich für diesen Film. Belmondo flucht ins Telefon: »Okay! Sprechen sie kein Französisch?!« Die neuen Möglichkeiten durch Farbe und Cinemascope sind wohl auch dafür verantwortlich, daß Godard in
Eine Frau ist eine Frau besonders viel Spektakel veranstaltet. Es ist sein dritter Film innerhalb von vierzehn Monaten. Sind bei den beiden Vorgängern,
Außer Atem und
Der kleine Soldat noch weniger komische Elemente präsent, wirkt dieser Film zeitweilig sogar etwas albern. Aber auch hier wird sofort zurückgerudert, werden Deutungsabsichten postwendend unterlaufen: »Weißt du, ich habe einen Witz gehört. Ich kann ihn dir nicht erzählen, aber er ist sehr komisch.«
2010-09-11 17:53