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Die Brücken am Fluß

The Bridges of Madison County. USA 1995. R: Clint Eastwood. B: Richard LaGravenese. K: Jack N. Green. S: Joel Cox. M: Lennie Niehaus. P: Warner, Amblin Entertainment, Malpaso Productions. D: Clint Eastwood, Meryl Streep, Annie Corley, Victor Slezak, Jim Haynie, Sarah Kathryn Schmitt, Christopher Kroon u.a.
135 Min.

Kleine Gesten, große Gefühle

Von Asokan Nirmalarajah Die Szene, an die sich die nicht wenigen Bewunderer von Clint Eastwoods 18. Regiearbeit gerne zuerst zurückerinnern, wenn sie den Titel der sensiblen, aber bemerkenswert unsentimentalen Verfilmung des gleichnamigen Mega-Bestsellers von Robert James Waller hören, hat herzlich wenig mit Brücken zu tun, geschweige denn mit den titelgebenden überdachten Brücken von Madison County, Iowa. So romantisch Brücken – ob nun überdacht oder nicht – als altbewährte Metaphern für die seelische Verbindung zwischen zwei Liebenden auch sein mögen, die eindringlichste Szene des Films spielt sich komplett im Inneren eines kleinen Pickups auf einer stark verregneten Straßenkreuzung ab. Es handelt sich dabei um den Moment der Entscheidung für die emotional aufgewühlte Protagonistin zwischen Liebe und Treue, Gefühl und Pflicht, Abenteuer und Alltag, und, seien wir mal ehrlich, auch zwischen einer Männlichkeitsikone des amerikanischen Kinos und einem austauschbaren Nebendarsteller in der undankbaren Rolle ihres unscheinbaren Ehemannes. Und wie es sich für ein Liebesmelodram gehört, fällt zwar kein einziges Wort in der Szene, und doch eröffnen sich dem Zuschauer in den sehnsuchtsvollen, bittersüßen Blicken der sich einander zulächelnden Liebenden, den sehr stimmungsvollen, symbolisch aufgeladenen Bildern, der sich langsam zum emotionalen Höhepunkt steigernden Musik und den hochdramatischen Nahaufnahmen der angespannten Hand der Protagonistin am Autotürgriff ganze Gefühlswelten.

In diesem Moment, einem Höhepunkt melodramatischer Erzählkunst im amerikanischen Mainstreamfilm der 1990er Jahre, spielt es dann auch keine Rolle mehr, daß die zwei ansprechenden, aber etwas behäbigen Stunden Liebesdrama, die ihm vorausgingen, einen nicht immer überzeugen konnten. Dabei lassen sich die Stärken des Films seltsamerweise auch als seine Schwächen identifizieren. Das fängt bereits beim Regisseur an: Produzent Eastwood, der die Regie erst übernahm, nachdem ausgewiesene »Frauenfilm«-Regisseure wie Bruces Beresford (Driving Miss Daisy) und Sydney Pollack (Out of Africa) das Projekt vorzeitig verließen, bringt eine ungewohnte, schnörkellose Sachlichkeit zu einem Film, der zwar auch vornehmlich aus einer weiblichen Sicht erzählt und von den inneren Konflikten einer Frau zwischen ihren persönlichen Sehnsüchten und den repressiven Strukturen ihres gesellschaftlichen Umfelds handelt, aber selten in die hysterische Melodramatik des konventionellen Frauenfilms ausufert. Eastwoods dezent zurückhaltender Inszenierungsstil und sein gediegenes Erzähltempo, das sich Zeit nimmt, um kleine, aber emotional gehaltvolle Gesten zu registrieren, bringt allerdings auch die ein oder andere Länge mit sich. Denn so kostbar das viertägige Liebesglück für die gelangweilte Farmersfrau und den reiselustigen Fotojournalisten inmitten der amerikanischen Einöde der prüden 1960er Jahre auch sein mag, die zaghafte Annäherung zwischen den zwei doch etwas stereotypen Figuren der Romanvorlage hätte man ruhig etwas straffen können, anstatt sich in leicht ungelenke, plakative Unterhaltungen über Selbstverwirklichung und sozialer Verantwortung zu verlieren.

Etwas problematisch ist auch die eigentlich grundsolide Besetzung: Annie Corley und Victor Slezak, die in der Rahmenhandlung des Films als erwachsene Kinder von der Affäre ihrer Mutter aus deren Tagebüchern erfahren, sind ebenso ansprechend wie Jim Haynie als ahnungsloser Gatte, wenn auch nicht immer souverän in ihrem Spiel. Francesca, die willensstarke Protagonistin des Films, wird dagegen gewohnt makellos von Hollywoods weiblichem Chamäleon Meryl Streep in einer ihrer zahllosen Oscar-nominierten Darbietungen verkörpert, mit braungefärbten Haaren, etwas mehr Gewicht auf den Hüften und leichtem italienischen Akzent. Es ist eine Freude, Streep dabei zuzuschauen, wie sie hier mit einer kleinen Geste oder einem flüchtigen Blick eine ganze Fülle an ambivalenten Gefühlen zu kommunizieren weiß. Die waschechte Italienerin, die nach dem zweiten Weltkrieg mit ihrem G.I.-Gatten nach Amerika gezogen ist, nimmt man ihr aber dann doch nicht ganz ab. In diesem Fall wäre es wohl doch sinnvoller gewesen, von der Vorlage abzuweichen, zumal die Ethnizität der Figur keine wirklich große Rolle im Film spielt. Und wenn dann dem gewohnt charismatischen und mitunter herrlich selbstironischen Eastwood beim Beziehungskrach die Tränen kommen, mag man sich mit diesem selten gesehenen Leinwandbild auch nicht wirklich anfreunden. Eastwoods karge Gesichtslandschaft scheint einfach nicht für Tränenwasser geschaffen. Basale Emotionen wie Wut, Zorn, Entrüstung oder Verbitterung und die ein oder andere bittere Träne gehören sicherlich zu Eastwoods mimischem Repertoire. Aber heftiges Schluchzen? Um eine Frau? Selbstdekonstruktion, schön und gut, aber das geht dann doch etwas zu weit. Umso mehr kann Eastwood dann zum Schluß des Films überzeugen, wenn er emotional gebrochen im Regen steht und sich zu einem müden Lächeln durchringt, während die feuchte Kulisse um ihn herum für die nötige Nässe in seinem Gesicht sorgt. Die letzte Handlung seiner Figur im Film, eine kleine, durch den Regen nur verschwommen wahrzunehmende Geste, kommuniziert dann auch all die unterdrückten Gefühle, die er in dem Moment nicht aussprechen kann und doch verzweifelt zu vermitteln versucht. Der Rest ist Schweigen, das »laute Schweigen« des Melodrams. 2010-06-28 14:13

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