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The Big Lebowski

USA 1998. R,B,S: Joel Coen, Ethan Coen. K: Roger Deakins. S: Tricia Cooke. M: Carter Burwell. P: Polygram, Working Title. D: Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, Philip Seymour Hoffman, Peter Stormare, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara u.a.
117 Min.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Von Sven Lohmann Tief im Westen, wo die Männer noch Männer sind, da ist die Heimat des Jeffrey Lebowski, der sich selber einfachheitshalber nur »der Dude« nennt. Der Dude, ein rauschaffiner phlegmatischer Althippie, nimmt »unter den faulen Säcken weltweit einen der vordersten Plätze« ein, erklärt uns gleich eingangs der Erzähler – und wir sehen ihn im Bademantel und mit Sonnenbrille durch den Supermarkt schlurfen, Milch für seine geliebten White Russians kaufend. Hinter dieser Figur stehen zwei Köpfe, die mit Fug und Recht zu den originellsten Filmemachern der Gegenwart gerechnet werden dürfen: zwei Jahre nach dem exzellenten Thriller Fargo übertrafen die Brüder Joel und Ethan Coen sich mit ihrem postmodernen Schabernack The Big Lebowski geradezu selber.

The Big Lebowski ist kein Männerfilm, so wie man das von The Wild Bunch oder Rambo vielleicht behaupten könnte, insofern als er auf ein vorzüglich männliches Publikum gemünzt wäre. Er ist ein Film »über« Männer. Weil der ärmlich hausende Dude einen reichen Namensvetter mit einer etwas lockeren Ehefrau hat, pinkeln ihm die Geldeintreiber eines Pornomoguls verwechslungshalber auf seinen Wohnzimmerteppich. Damit gehen die Probleme los: Der Dude will eigentlich nur seinen Teppich zurück und in Ruhe bowlen – jedoch sein ungleicher Kumpel, der erzkonservative aufbrausende Waffennarr Walter, macht des Dudes Probleme kurzerhand zu seinen eigenen. Walter wird mit seinem Aktionismus zum entscheidenden Movens, das den trägen Dude ganz wider Willen in eine undurchsichtige Entführungsaffäre verwickelt, die nicht nur vom Titel her an Raymond Chandlers The Big Sleep erinnert. Hier verquicken die Coens typische Handlungselemente des Film Noir und der Screwball-Komödie mit liebevoll veräppelten Manierismen des Autorenkinos, um das Männerbild des Westerns zu dekonstruieren: In der Postmoderne sieht der US-amerikanische Kinoheld sich als Mann ganz neuen Herausforderungen gegenübergestellt. Dazu gehören nicht nur das traditionelle Männlichkeitsideal, dem er zeitgemäß entwachsen ist, nicht nur, daß selbst Bowling einen obszönen Nebensinn bekommen hat, sondern auch die fortschreitende Verschrottung seines Autos, feministische Kunst – und Nihilisten, die ihm »den Johannes abschneiden« wollen.

Zu den vielleicht größten Leistungen des Films zählen die Figuren; die Coens fahren nicht nur ein regelrechtes Panoptikum originärer Typen auf, sondern konnten dafür auch eine sehr namhafte Besetzung gewinnen, die durchgehend mit fabelhafter Spielfreude besticht. Das fängt an bei den Randgestalten, unter denen zu Gast etwa Jon Polito und John Turturro erfreuen, bis hin zur wunderbaren Julianne Moore und zu Jeff Bridges und John Goodman, die als Dude und Walter hier die Rollen ihres Lebens haben – und die ihnen von den Coens übrigens tatsächlich auf den Leib geschrieben worden sind. Als Vorbilder für die beiden Figuren dienten der Produzent und Filmpromoter Jeff Dowd sowie der Filmemacher John Milius (der etwa das Drehbuch zu Apocalypse Now schrieb und Conan, der Barbar drehte). Das skurrile Drehbuch indessen glänzt mit köstlichen Dialogen und seinem famosen Sprachwitz; inszeniert ist das alles höchst einfallsreich und pointiert, als ein aberwitziger, zitatreicher Kunstrausch mit vertrippten Einlagen und einer vorzüglichen Musikauswahl.

Auf der Berlinale, wo er 1998 im Wettbewerb lief, ging The Big Lebowski leider leer aus – mehr als jeder andere Film der Coens hat er aber heute einen internationalen Beliebtheitsstatus erlangt; der norwegische Bowlingverband etwa empfiehlt ihn ausdrücklich. Der entscheidende Grund dafür ist sicherlich, daß The Big Lebowski einer der witzigsten und erwärmendsten Filme der jüngeren Geschichte ist, zudem kann er aber auch mit einer künstlerischen Vielseitigkeit begeistern, die Hollywoods erstarrte Formen weit hinter sich läßt. The Big Lebowksi verkörpert »in der Sprache unserer Zeit« eine Art Parodie der »Männlichkeitsfrage« überhaupt. Und was weiterhin die Sprache angeht: Für gelegentliche Freunde von Originalfassungen ist The Big Lebowski ein sehr lohnender Fall; allerdings sei dazu bemerkt: Die deutsche Synchronisation, die das häufige »fuck« sehr charmant mit »bekackt« übersetzt, ist der Originalfassung beinahe überlegen. 2010-06-17 14:05

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