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Erbarmungslos

Unforgiven. USA 1992. R: Clint Eastwood. B: David Webb Peoples. K: Jack N. Green. S: Joel Cox. M: Lennie Niehaus. P: Malpaso Productions, Warner Bros. Pictures. D: Clint Eastwood, Gene Hackman, Morgan Freeman, Richard Harris, Jaimz Woolvett, Saul Rubinek, Frances Fisher u.a.
126 Min.

Print the Legend?

Von Nils Bothmann Wann immer Clint Eastwood auftritt, tritt die Summe seiner bisherigen Inkarnationen mit einer neuen Figur auf, am bekanntesten sind natürlich Dirty Harry und der Mann ohne Namen aus den Western Leones. Doch schon früh begann Eastwood, sowohl als Regisseur als auch als Darsteller, ausgesprochen bewußt mit seinem Image zu spielen – Anfang der 1990er verkörperte er gerne den in die Jahre gekommenen Helden. Zu den Paukenschlägen in Eastwoods Alterswerk gehört auch der Oscar-geadelte Erbarmungslos, ein Requiem auf den Western.

Bereits die amerikanischen Spätwestern von Sam Peckinpah und Co. sowie die italienische Konkurrenz hatten das heroische Cowboybild früherer Genrevertreter dekonstruiert, doch Erbarmungslos schafft es, neue Seiten an einem gewissermaßen toten Genre zu entdecken, indem er nicht versucht, den Western wiederzubeleben, sondern vielmehr einen halb wehmütigen, halb entlarvenden Blick auf ihn wirft. In Erbarmunglos gibt es keine Helden und keine guten Gründe mehr fürs Töten – an sich noch nicht einmal schlechte. Eine Prostituierte lacht einen Cowboy wegen seines kleinen Geschlechtsteils aus, er zerschneidet ihr das Gesicht. Zur Strafe muß er dem Bordellbesitzer Pferde geben, die Frauen gehen leer aus. Der junge Kompagnon des Täters versucht eine Annäherung, indem er der Mißhandelten ein Pony schenken will, doch die erzürnten Frauen sperren sich gegen diese Geste und setzen ein Kopfgeld auf beide Cowboys aus. Aus dieser Prämisse entwickelt sich eine Gewaltspirale, in der Unrecht nur mit weiterem Unrecht bekämpft wird, und keine Versöhnungsgeste – wie das Geschenk des jungen Cowboys – akzeptiert wird. Unforgiven heißt der Film im Original und der Mangel an Vergebung ist allgegenwärtig.

Doch nicht nur das Warum, sondern auch das Wie des Tötens entzaubert den Mythos vom Duell für die gute Sache immer wieder: Opfer werden unglamourös auf dem Klo erschossen und verbluten elendig an Bauchwunden. Weder das Töten noch das Sterben haben hier etwas Heroisches – ebensowenig die Hauptfiguren. Der von Clint Eastwood sagenhaft verkörperte Protagonist William Munny könnte auch der Mann ohne Namen im Rentenalter sein. Ein Witwer, ein geläuterter Killer, der nun bei der Schweinezucht durch die Jauche kriecht. Für Bezahlung zieht er ein letztes Mal aus – oder vielleicht auch nur, weil er angeheuert wird, das zu tun, was er am besten kann.

Verschwindend gering sind die Unterschiede zwischen William Munny und seinem Antagonisten Little Bill Daggett. Sie tragen nicht nur denselben Vornamen (Bill ist eine Kurzform von William), auch ihre Vita weist immense Gemeinsamkeiten auf: Beide sind Killer im Ruhestand, Bill ist Sheriff, aber arbeitet in seiner Freizeit an einem Haus, so wie William seine Farm bestellt und instand hält. Zudem mag Bill ein Brutalo und ein Mörder sein, doch sein rigoroses Verbot der Lynchjustiz an den beiden Cowboys ist eine Methode die Gewaltspirale aufzuhalten, so sehr er sich auch in der Wahl seiner Mittel vergreift. Doch erbarmungslos treibt Munny das Fortschreiten von Gewalt und Gegengewalt an, so daß sich am Ende die Frage stellt, wieviel Munny nun gewonnen und wieviel er verloren hat.

Diese Figuren entsprechen ganz und gar nicht den gern kolportierten Mythen und Legenden, sie schleppen Defekte wie Kurzsichtigkeit oder Altersgebrechen mit sich herum oder können teilweise nicht mehr in ihre früheren Rollen als bezahlte Mörder zurück, wie Munnys Kumpan Ned erkennen muß. Erbarmungslos treibt diese Ironie auf die Spitze, indem er die Figur eines Biographen einführt, der sich immer den scheinbar größten Helden sucht, um dessen Legende aufzuschreiben – eine Legende, die vermutlich wenig mit dem gemeinsam haben dürfte, was man auf der Leinwand sieht.

Wenn in Eastwood im Finale dann doch alte, übermenschliche Killerinstinkte erwachen, er die Gewaltspirale nur durch einen Akt rigoroser Gewalt beenden kann und nach einem markigen Monolog in den Regen davon reitet, dann kann man Erbarmunglos tatsächlich als den Western bezeichnen, der alle Western beendet. Sicher, das Genre brachte danach noch großartige Werke wie The Missing, Open Range oder Todeszug nach Yuma hervor – als radikaler Schlußpunkt können sie im Gegensatz zu Erbarmungslos allerdings nicht gelten. 2010-05-20 17:55

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