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Pulp Fiction

USA 1994. R,B: Quentin Tarantino. B: Roger Avary, Paul Attanasio. K: Andrzej Sekula. S: Sally Menke. P: A Band Apart, Jersey Films, Miramax Films. D: John Travolta, Samuel L. Jackson, Uma Thurman, Bruce Willis, Tim Roth, Amanda Plummer, Harvey Keitel, Christopher Walken u.a.
154 Min. Scotia ab 13.6.96

Royal mit Käse

Von Sven Lohmann Kein Filmranking und keine Must-See-Liste kommen seit etwa 15 Jahren ohne Pulp Fiction aus: Quentin Tarantinos zweiter Film – nach den Erfolgen seines Debüts Reservoir Dogs und seines Drehbuchs zu True Romance – schlug ein wie eine Bombe. Pulp Fiction holte unter anderem 1994 die Goldene Palme in Cannes und 1995 sowohl den Golden Globe wie auch den Oscar für das beste Drehbuch – und wurde innerhalb kürzester Zeit zum beliebten Kultfilm und bald darauf zum vielleicht einflußreichsten Film der 1990er Jahre. Überall wollte jeder Filme machen über augenzwinkernde und böse Geschichten aus dem Gangstermilieu mit geschliffenen Dialogen, von Thursday über Dobermann bis hin zu deutschen Produktionen wie Bang Boom Bang. Abgesehen von Ausnahmen wie Guy Ritchies Bube, Dame, König, grAs konnte es ihm aber keiner nachmachen. Und auch Tarantino sich selber nicht: Er, der heute eher mit seinem Namen werben kann als mit der Qualität seiner Filme, kam an die Sensation von Pulp Fiction nie wieder heran.

Dabei ist die Handlung von Pulp Fiction in einem oder zwei Sätzen praktisch unmöglich wiederzugeben. Stereotypen aus der titelgebenden Kriminal-Schundliteratur (nichts anderes bedeutet ja »pulp fiction«) geben sich hier die Klinke in die Hand: Die quasselnden Auftragskiller, der abgebrühte Profiboxer, die koksende Gangsterbraut, der dazugehörige Boss, der Drogendealer der wie Jesus aussieht. Tarantino verstrickt seine Figuren in absurde bis makabre Episoden, die er chronologisch versetzt erzählt. Diesen Figuren, die eigentlich ihrer Natur nach Abziehbilder aus der Mottenkiste sind, haucht er nun eine bezwingende Lebendigkeit ein, indem er sie als Doppelwesen inszeniert – halb Menschen wie ich und du, die gerne mal Cheeseburger essen oder ihrem Gastgeber die Handtücher versauen, und halb Figuren von mythologischer Größe: Racheengel, Teufelchen, heilige Jungfrau, Adam und Eva. Hierbei kann er – am Rande bemerkt – auf ein bis auf den letzten Mann großartiges Ensemble zurückgreifen: John Travolta, hier gut wie nie, holte Pulp Fiction aus der Versenkung zurück (um der Menschheit dann Filme zu schenken wie Broken Arrow); Samuel L. Jackson hatte hier seine erste große Rolle; ja selbst Bruce Willis, sechs Jahre nach Stirb langsam, wurde erst wirklich zum Superstar, nachdem er zeigen konnte, daß er mehr kann als nur zu Filmen wie Hudson Hawk einen angemessenen Beitrag zu leisten.

Mit schier unglaublicher Lässigkeit erzählt Tarantino seine klug verknüpften Geschichten um geheimnisvolle Koffer, Uhren und Vergebung, zelebriert dabei Banalitäten wie die Klogänge seines Helden Vincent Vega, und nimmt sich viel Zeit für seine liebevoll gestalteten Figuren – und deren Dialoge, die an sprachlichem Glanz geradezu ihresgleichen suchen. Zwischendrin wird der nonchalante und geistreiche Dialogfilm immer wieder wie beiläufig durch drastische Gewaltausbrüche auf Trab gehalten, die das Tempo forcieren – und Tarantino vollbringt es, in jeder Szene – sei sie zum Piepen komisch, intim oder knüppelhart – hundertprozentig, den richtigen Ton zu treffen. Er veredelt, ganz postmodern, altbackene Versatzstücke aus den Niederungen der Popkultur durch ironische Brechung und Poesie; Groschenheft-Literatur wird hier, mit Godardscher Skurrilität überformt, zu persönlichen Geschichten über gewichtige Themen; die Unterwelt von L.A. wird zu einer mit christlicher Topologie aufgeladenen Welt.

Wenn Tarantino auf den Motivfundus von Gangster-Groschenheften und B-Filmen zurückgreift, so ist Pulp Fiction genau das nicht, was einem Trashfilm (heutzutage?) bisweilen als Qualität angerechnet wird: Er ist, anders als viele seiner Nachahmer, niemals billig, dämlich, handwerklich schlecht oder gewollt und nicht gekonnt, sondern ein Film mit höchstem Stilbewußtsein. Seine »Pulpness« bezieht er aus der geradezu revolutionären Hingabe, mit der er dem Banalen begegnet – und nicht aus Mängeln, die er als Vorzüge ausschreit. Pulp Fiction ist in dieser Hinsicht unverdorben (im Vergleich etwa mit Tarantinos vorletztem Film Death Proof), ein ungewöhnliches frisches Formexperiment im Gewand des uramerikanischem Kinos, das prächtig unterhält. Und übrigens auch noch einen saucoolen Soundtrack hat. 2010-05-04 15:16

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