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Der schwarze Falke

The Searchers. USA 1956. R: John Ford. B: Frank S. Nugent. K: Winton C. Hoch. S: Jack Murray. M: Max Steiner. P: C.V. Whitney Pictures. D: John Wayne, Jeffrey Hunter, Vera Miles, Ward Bond, John Qualen, Ken Curtis, Harry Carey Jr., Antonio Moreno u.a.
118 Min.

Is That You, John Wayne? Is This Me?

Von Martin Holtz Texas 1868. Eine Tür wird geöffnet. Die Kamera gleitet durch den Rahmen aus der Dunkelheit des Hauses nach draußen, bis die in gleißendes Sonnenlicht getauchte Wüste die gesamte Leinwand füllt. Am Horizont überragen die Felsblöcke des Monument Valley die unbegrenzte Wildnis. In der Ferne taucht ein einsamer Reiter auf, der sich gemächlich dieser kleinen Zivilisationsoase nähert. Es ist Ethan Edwards, der nach vielen Jahren zur Familie seines Bruders zurückkehrt.

So beginnt John Fords Meisterwerk Der schwarze Falke, das wie kein anderer Film die Essenz des Westerns verkörpert. Allein die erste Einstellung reflektiert, wie die effektive Kadrierung der Landschaft und der Figuren in ihr das visuelle Zentrum des Genres bildet. Genau wie die Kamera in dieser ersten Einstellung, so steht auch der Film an einer Grenze, markiert den Übergang von der klassischen zur revisionistischen Phase des Westerns und ergründet in dieser Position den Frontiermythos in all seiner Komplexität und in ästhetischer Perfektion.

Die Frontier, das ist der Mythos von der klaren Trennlinie zwischen Wildnis und Zivilisation, ein ideologisches Grundkonstrukt des Westerns, das Der schwarze Falke sukzessive unterwandert. Anfangs sind die Fronten noch klar verteilt. Auf der einen Seite die weißen Siedler, die friedlich und familienorientiert mit aufrichtiger Tatkraft das feindselige Land zivilisieren wollen. Auf der anderen Seite die Indianer – primitive Krieger, die aus purer Bosheit morden, vergewaltigen und Kinder verschleppen.

Nach dem Massaker an der Edwards Familie und der Entführung der zwei Töchter verschwimmt die Grenze zwischen Gut und Böse jedoch zusehends. Die Suche nach den Mädchen entlarvt, wie sehr die weiße Gesellschaft von Rassismus, Rachdurst, Heuchelei und Sturheit verdorben ist. Das Genie des Films ist es jedoch zu zeigen, wie sehr die dunklen und die hellen Seiten der Gesellschaft einander zu bedingen scheinen. Der Haß auf die Indianer ist motiviert durch die Liebe zur Familie, deren Verteidigung mit Intoleranz gegenüber dem kulturell Andersartigen einhergeht.

Ethan Edwards ist die zentrale Figur, die diesen Widerspruch verkörpert, die die Frontier praktisch in sich trägt. John Wayne spielt den Charakter mit einer brillanten Intensität, im Bewußtsein seiner Bedeutung als ikonischer Westernheld, voller Integrität, Stärke und Mut, gleichzeitig innerlich zerfressen von fortwährendem Haß, von seiner Unfähigkeit, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Seine Motivation, die Mädchen aus der indianischen Gefangenschaft zu befreien, ist begründet in seiner unterdrückten Liebe zu deren Mutter Martha, die Frau seines Bruders, die beim Massaker vergewaltigt und ermordet wurde. Die Angst vor der Integration ihrer Tochter Debbie in den Stamm der Indianer ist so groß, daß er das Mädchen lieber umbringen würde als es zu retten. In Ethans Charakter verweben sich also die Furcht vor der Auflösung ethnischer Grenzen mit der Projektion unterdrückter sexueller Begierden auf das rassisch Andere, das folgerichtig ausgemerzt werden muß, was den Film zu einem Meilenstein in der Analyse der psychologischen Dynamik des Rassismus macht, der so fundamental mit dem amerikanischen Gründungsmythos der Frontier zusammenhängt. Anders als spätere revisionistische Filme, wie Little Big Man oder Der mit dem Wolf tanzt, zwingt uns Der schwarze Falke, sich mit dem Rassisten zu identifizieren, werden wir also mit unserer eigenen Komplizenschaft in der Aufrechterhaltung rassistischer Ideologien, sei es in Mythen oder in der Realität, konfrontiert.

Die Rettung der amerikanischen Gefangenen gegen ihren Willen vor dem Horror der kulturellen Transformation ist ein Motiv, das sich nicht nur in den verstörendsten Gesellschaftsstudien des New Hollywood wie Taxi Driver oder The Deer Hunter wiederfindet, es hat auch nichts von seiner Brisanz in der Wirklichkeit verloren. Praktisch alle amerikanischen Kriege der letzten hundert Jahre wurden legitimiert, indem man die eigenen Vorstellungen kultureller Überlegenheit dem Feind aufzwang, ihn praktisch vor seiner eigenen Kultur rettete, und auch in Der schwarze Falke dient die Rettung Debbies lediglich als Vorwand für einen finalen Rachefeldzug gegen ein ganzes indianisches Camp.

In dem Maße, wie die weiße Gesellschaft ihre dunklen Seiten offenbart, so gewinnen die Indianer im Laufe der Handlung an Menschlichkeit. Anders als die Weißen leben sie in Einklang mit der Natur, integrieren sich problemlos in die schroffe Landschaft. Auch sie sind Individuen mit Familien, werden von den Weißen aber vertrieben und abgeschlachtet. Häuptling Scar (in der deutschen Fassung »Schwarzer Falke«) ist nicht nur das visuelle Spiegelbild von Ethan, auch er hat seine Familie verloren und sinnt auf Rache. Dem Teufelskreis von Gewalttat und Vergeltung fallen wieder und wieder Familien auf beiden Seiten zum Opfer.

Der Film suggeriert, daß die Grenzen zwischen den Kulturen aufgehoben werden müssen, um diesen Teufelskreis zu brechen. Der Mischling Martin Pawley ist das Modell für moralische Fortschrittlichkeit, indem er sich der Rachegewalt entzieht. Das Ende jedoch stellt die Grenzen wieder her. Die weiße Familie zieht sich ebenso wie die Kamera in die Dunkelheit ihres Hauses zurück, und Ethan geht als Sündenbock in die Wildnis hinaus. Das klassische Happy End erlangt so eine bittere Tragik, die den Western fortan begleiten sollte. 2010-04-06 13:22

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