— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Wie ein wilder Stier

Raging Bull. USA 1980. R: Martin Scorsese. B: Joseph Carter, Peter Savage, Paul Schrader, Mardik Martin. K: Michael Chapman. S: Thelma Schoonmaker. M: Jim Henrikson. P: United Artists. D: Robert De Niro, Cathy Moriarty, Joe Pesci, Frank Vincent, Nicholas Colasanto, Theresa Saldana, Mario Gallo, Frank Adonis u.a.
129 Min.

Ästhet im Ring

Von Rebekka Hufendiek Die erste Einstellung zeigt den gealterten, dick gewordenen ehemaligen Weltmeister im Mittelgewichts-Boxen Jake la Motta (Robert de Niro) Zigarre rauchend vorm Garderobenspiegel. La Motta probt für seinen Auftritt in einer schmierigen Bar, wo er sich auf der Bühne, Marlon Brando zitierend, einen Reim machen wird auf die Hochs und Tiefs seiner Karriere. Hier vorm Spiegel breitet er schon mal die Arme aus und nuschelt an der Zigarre vorbei: »That’s entertainment.«

Vom Jahr 1964 geht es mit einem Schnitt zurück ins Jahr 1941: Der junge, durchtrainierte La Motta steht im Ring gegen Jimmy Reeves und tut, was er am besten kann: unglaublich viele Schläge einstecken, um dann, plötzlich und unbarmherzig, zurückzuschlagen bis sein Gegner zu Boden geht.

Diese ersten Bilder stellen das Ende vor den Anfang der zu erzählenden Geschichte und eröffnen damit zugleich den Blick auf Robert De Niros schillernde Schauspielleistung: Nachdem sich De Niro von Jake La Motta persönlich so lange hatte trainieren lassen, bis er alle Kampfszenen überzeugend und ohne Stuntdouble spielen konnte, mußte er sich satte 20 Kilo anfressen, um den alternden La Motta, den vereinsamten, schmierigen und immer noch cholerischen Barbesitzer ebenfalls überzeugend verkörpern zu können.

Auch Scorseses Meisterleistung wird gleich zu Beginn sichtbar: Während er selbst angab, sich für das Boxen eigentlich nicht zu interessieren, vielmehr ein persönliches Portrait des aggressiven La Mottas zeichnen zu wollen, verdanken sich ihm einige der schönsten, brutalsten und innovativsten Bilder, die das Genre des Boxfilms zu bieten hat. Das Schwarz-Weiß erzeugt einen scharfen Kontrast, läßt hinter dem hell erleuchteten Ring den Zuschauerraum im Dunkel versinken, aus dem lediglich die grellen Blitzlichter der Reporter aufleuchten und später auch einige Popkorntüten und Stühle geflogen kommen. Bei der Darstellung der Kämpfe verzichtet Scorcese fast vollständig auf einen dramatischen Aufbau wie ihn etwa die Rocky-Filme bis zur Ermüdung durchexerziert haben. Stattdessen wird in kurzen symbolträchtigen Einstellungen erzählt, die in jedem Kampf völlig anders aussehen, dabei aber immer harte realistische Bilder mit einer äußerst subjektiven Perspektive verbinden. Die Charakterstudie La Mottas, die der Film in epischer Breite betreibt, wird so pars pro toto im Ring widergespiegelt. Beim dritten Kampf gegen den Erzfeind Sugar Ray Robinson versinkt der ganze Saal förmlich in Dampfschwaden, die Kamera streift an den Kämpfern vorbei wie ein Verirrter im Nebel, der Ringrichter verschwimmt vor dem Objektiv, La Motta verliert den Kampf nach Punkten. Nachdem Jakes zweite Frau Vickie (Cathy Moriarty) dem notorisch eifersüchtigen Ehemann gegenüber eine Bemerkung über das hübsche Gesicht seines nächsten Gegners gemacht hatte, sieht man vom Kampf nur die letzte Runde in der La Motta Janiros Gesicht so lange mit Schlägen traktiert, bis dieser blutüberströmt und in Zeitlupe zu Boden geht. La Mottas letzter Kampf gegen Sugar Ray schließlich, bei dem er seinen Weltmeistertitel einbüßt, wechselt zwischen schnellen, assoziativ geschnittenen Detailaufnahmen und langen, fast surrealen Einstellungen, die Sugar Ray Robinson wie ein Raubtier vor dem Angriff und La Motta als williges Opfer in den Seilen hängend zeigen. Der Ton, das johlende Publikum und das dumpfe Aufprallen der Fäuste, werden für eine gefühlte Ewigkeit völlig ausgeblendet und kehren dann schlagartig mit Sugar Ray Robinsons finalem Angriff zurück.

Zwischen den Kämpfen erzählt Raging Bull vom Aufwachsen La Mottas in der Bronx, in bescheidenen proletarischen Interieurs, die in liebevollen Detailaufnahmen porträtiert werden, während permanent das Radio im Hintergrund dudelt, im Freibad an der Ecke und in verrauchten Nachtlokalen, in denen er von der lokalen Mafia zur Verhandlung seiner Karriere an den runden Tisch bestellt wird. Vor allem aber wird La Motta als cholerische und selbstzerstörerische Persönlichkeit in Szene gesetzt. Die ständigen Konflikte mit seinen einzigen Vertrauten, dem jüngeren Bruder und Manager Joey und seiner Frau Vickie, werden mit einer Penetranz ausgetragen, die permanent die Grenzen des Erträglichen auslotet. Der steigende Ruhm und Wohlstand liefert dabei nur den Hintergrund für das stetige Hineinsteigern Jakes in Mißtrauen, Selbstzweifel und Raserei.

Raging Bull ist der unglaublichste Boxfilm aller Zeiten. Gleichermaßen großartige Kamera, Schnitt, Beleuchtung und Ton verschmelzen zu Kampfdarstellungen, die an Realismus und Surrealismus gleichermaßen kaum zu überbieten sind. Robert De Niro treibt die Charakterstudie Jake La Mottas dabei über den Ring hinaus bis hin zum völligen Verfall, so daß es unerträglicher kaum klingen könnte: »That’s entertainment«. 2010-03-31 17:33

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