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Red River

USA 1948. R: Howard Hawks, Arthur Rosson. B: Borden Chase, Charles Schnee. K: Russell Harlan. S: Christian Nyby. M: Dimitri Tiomkin. P: Charles K. Feldman Group, Monterey. D: John Wayne, Montgomery Clift, Joanne Dru, Walter Brennan, Coleen Gray, Harry Carey, John Ireland, Noah Beery Jr. u.a.
133 Min.

Take ‘Em to Missouri, Matt

Von Martin Holtz Red River beweist wahrscheinlich am nachhaltigsten, daß Western mehr sind als Geschichte verzerrende Abenteuerstories aus Amerikas Gründerzeit. Vielmehr reflektieren Western vielschichtige Themen von historischer wie zeitgenössischer Relevanz mithilfe einer symbolisch aufgeladenen Ikonographie und Landschaftsmetaphorik.

Zunächst einmal erzählt Red River die Geschichte über die Etablierung der Viehwirtschaft in Amerika, von der Open Range über den ersten großen Viehtrieb durch Texas hin zur Integration in die industrielle Marktwirtschaft, also die Blütezeit des Cowboys. Dabei geht es dem Film durchaus um historische Genauigkeit und vor allem um sinnlich-konkreten Realismus. Die Interaktion von Mensch und Tier mit der widrigen Natur wird dokumentarisch genau und symbolisch bedeutsam in den immer wiederkehrenden, beschwerlichen Flußüberquerungen versinnbildlicht.

Holt man etwas weiter aus, so läßt sich der Film auch als Allegorie auf die Entstehung Amerikas lesen, ja sogar als Abhandlung zu politischer Philosophie. John Waynes Tom Dunson stiehlt Land und Vieh von den Mexikanern und verteidigt den so erworbenen Besitz mit allen Mitteln. Im Hobbes’schen Naturzustand kämpft der Frontiersmann rücksichtslos für seine Selbsterhaltung und erschafft mit unbarmherziger Härte das Rinderimperium als wirtschaftliches Rückgrat der Nation. Wird dieser Zustand der fortwährenden Feindseligkeit beibehalten, entwickelt er sich jedoch in eine feudalistische Diktatur, die zerstörerisch auf die weitere Entwicklung des Landes wirkt. Dementsprechend ist ein Politikwechsel vonnöten, indem die Tyrannei des Rinderbarons durch eine demokratische Organisation der Wirtschaft, die auf das Wohl der Allgemeinheit abzielt, abgelöst wird. Quasi als Verbildlichung Locke’scher Vertragstheorie übernimmt Montgomery Clifts Matthew Garth die Herde vom herrischen Vater und etabliert nach gewaltsamer Rebellion eine intakte Demokratie unter den Cowboys.

Im Kontext seines Entstehungsjahres 1948 ist Red River aber ebenso ein Kommentar über den Wechsel von einer zentralisiert geführten Wirtschaft während des Krieges zu einer freien Marktwirtschaft in der Nachkriegszeit, wobei die dem Kapitalismus innewohnenden Fehler nicht zu kurz kommen. So kann man die spektakuläre Rinder-Stampede durchaus als Rebellion der Ware gegen seinen Besitzer oder zumindest als dessen Kontrollverlust über seinen Besitz lesen. Dazu illustrieren kleine Nebenhandlungen, wie die Gier eines Cowboys nach Zucker, die die tödliche Stampede auslöst, und das Tauschgeschäft mit dem künstlichen Gebiß zwischen Indianer Quo und Koch Walter Brennan die Gefahr oder Absurdität von rigorosem Besitzdenken.

Nicht zuletzt schaut der Film auch voraus in die 1950er Jahre und kann tatsächlich als Prototyp für den »youth rebellion«-Film à la Marlon Brando und James Dean gelten. Im gewaltsamen Aufeinandertreffen der Generationen beweist sich der Sohn als der weitaus integere und moralisch überlegene Mann, während der Vater Neid, Gewalt und Chaos repräsentiert, quasi als Umkehrung des ödipalen Szenarios.

Die Liste der Interpretationen ließe sich beliebig verlängern, und obwohl sie den Filmgenuß bereichern und dafür sorgen, daß sich auch ein wiederholtes Anschauen immer wieder lohnt, begeistert der Film in erster Linie wegen seiner virtuosen handwerklichen Umsetzung einer dramatischen Geschichte, dem perfekten Zusammenspiel von Musik, Schnitt, Schauspiel und Kameraführung. Diese Perfektion sorgt für eine Ansammlung von zahlreichen magischen Kinomomenten. Da ist zum Beispiel der Aufbruch des Viehtriebs, wenn in der Dämmerung die Kamera in einer Totalen mit einem langsamen Schwenk die riesige Herde und die angespannten Männer einfängt. Dann wendet sich John Wayne Montgomery Clift zu und sagt ruhig aber bestimmt: »Take ‘em to Missouri, Matt«. Ein gellendes »Yeehaw« Konzert ertönt sogleich, und das Orchester stimmt mit ein, wenn eine Montage von Nahaufnahmen zeigt, wie sich die Anspannung in den Gesichtern aller Cowboys in Euphorie verwandelt und sich sofort auf den Zuschauer überträgt.

Dann gibt es da John Waynes legendären Marsch durch die Rinderherde, der nicht einmal durch Pistolenkugeln aufgehalten werden kann, das freudianische Pistolenduell zwischen Montgomery Clift und John Ireland, die Frau, die schweigt, wenn sie ein Indianerpfeil in den Arm trifft, die aber nicht aufhören kann zu reden, wenn sich die Männer wie kleine Kinder balgen, die Wolke, die sich vor die Sonne schiebt, als John Wayne eine Grabrede hält und und und… Auch diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Dabei ist Red River doch eigentlich nur ein Western. Und was für einer. 2010-03-31 15:35
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