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Lohn der Angst

Le salaire de la peur. F/I 1953. R,B: Henri-Georges Clouzot. B: Jérôme Géronimi. K: Armand Thirard. S: Madeleine Gug, Etiennette Muse, Henri Rust. M: Georges Auric. P: CICC, Filmsonor, Vera Films, Fono Roma. D: Yves Montand, Charles Vanel, Folco Lulli, Peter van Eyck, Véra Clouzot, William Tubbs, Darío Moreno, Jo Dest u.a.
131 Min.

Vorsicht ist die Mutter des Sprengstofftransports

Von Sven Lohmann Ein ödes, ärmliches Kaff in Venezuela, der einzige Arbeitgeber ist ein US-Ölkonzern; die Welt zeigt sich hier in kontrastreichen, schmucklosen schwarz-weiß Bildern, die sich offenkundig den italienischen Neorealismus der 1940er Jahre zum Vorbild nehmen. Vier Europäer die hier gestrandet sind, haben ein gemeinsames Ziel: weg. Es eröffnet sich ihnen schließlich eine Möglichkeit, zu diesem Zweck schnell viel Geld zu verdienen: Auf einem Ölfeld ist Feuer ausgebrochen, dorthin müssen zwei LKWs durch die unwegsame Wildnis Nitroglyzerin transportieren. Als Kopf dieses Himmelfahrtskommandos hat Yves Montand, der bis dato vornehmlich als Sänger bekannt war, hier seine erste »ernste« Rolle.

Henri-Georges Clouzot verfilmte mit Lohn der Angst das Buch von Georges Arnaud mit dem gleichen Titel – und hatte selber so seine liebe Not mit dem Projekt. Obwohl die Geschichte in Südamerika spielt, drehte Clouzot den Film komplett in Südfrankreich, unter anderem in der Nähe von Nîmes; Palmen und Kakteen wurden eigens eingepflanzt. Die Dreharbeiten zogen sich jedoch unmäßig in die Länge, weil Regengüsse immer wieder die Arbeit unmöglich machten, schließlich mußten sie über den Winter unterbrochen werden, die Kosten des Projekts schossen unerwartet in die Höhe und Clouzot brach sich schließlich noch den Knöchel. Der Lohn für die Strapazen, als der Film dann 1953, nach zwei Jahren, endlich fertig war, waren immerhin die Goldene Palme in Cannes und der Goldene Bär in Berlin. In Deutschland wurde Lohn der Angst nur gekürzt gezeigt, gemäß der Auflagen, die die FSK erlassen hatte. Womöglich stieß er als antiamerikanisch auf: Georg Seeßlen erkennt in dem Film und seiner Hoffnungslosigkeit einen Abgesang auf das »alte Europa« nach dem zweiten Weltkrieg. Die europäischen Desperados sind hier vom mitunter recht unmenschlich gezeichneten US-Brötchengeber abhängig, der seinerseits ihre Verzweiflung ausnutzt und sich die Bodenschätze ärmerer Länder einverleibt. Erst 2003 erschien eine vollständige deutsch synchronisierte Fassung.

Das Etikett »Klassiker«, das sich Lohn der Angst inzwischen verdient hat, sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, wie hervorragend er auch heute noch durchgehend funktioniert. Es gibt da zum Beispiel, geradezu mustergültig für den ganzen Film, diese haarsträubend gute Szene, wo Yves Montand und Charles Vanel ihren hochexplosiven LKW auf einer morschen Holzrampe über einer steilen Felsböschung rangieren und dabei beinahe draufgehen. Was ein Michael Bay in einem heutigen Actionfilm, damit es auch bestimmt aufregend ist, hektisch in hundert Einzeleinstellungen zerschnibbeln würde, erzählt Clouzot mit geradezu stoischer Ruhe - und macht die Situation gerade mit dieser lapidaren Einfachheit mörderisch spannend: Weniger ist hier mal wieder mehr. So ist Lohn der Angst heute natürlich dringend zu empfehlen wegen seiner tollen Kameraarbeit, seiner dichten Inszenierung und der exakten Zeichnung der Figuren, die sich im Bangen ums nackte Überleben regelrecht seelisch entkleiden. Vor allem aber ist er einer der ganz großen Armlehnenkraller; ein existenzialistischer Thriller, bei dem einem beim Zuschauen auch heute noch, Verzeihung, der Arsch auf Grundeis geht. 2010-03-22 11:37

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