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Vertigo – Aus dem Reich der Toten

Vertigo. USA 1958. R: Alfred Hitchcock. B: Alec Coppel, Samuel A. Taylor. K: Robert Burks. S: George Tomasini. M: Bernard Herrmann. P: Alfred J. Hitchcock Productions, Paramount Pictures. D: James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes, Tom Helmore, Henry Jones, Raymond Bailey, Ellen Corby, Konstantin Shayne u.a.
124 Min.

Essentielles Kino

Von Martin Holtz Vertigo ist heutzutage anerkanntermaßen einer der ganz großen Filmklassiker und gehört zu den Lieblingsuntersuchungsobjekten der akademischen Filmtheorie. Selbst innerhalb des ohnehin schon eindrucksvollen Hitchcock-Kanons hat der Film eine Sonderstellung. Die allgemeine Bewunderung für das Meisterwerk wächst jährlich. Warum das so ist, läßt sich vielleicht so beantworten, daß Vertigo wie kein anderer Film die Essenz des Kinos verkörpert. Inhaltlich und formal ist er absolut filmisch, so souverän und perfekt in der Art und Weise, wie er illustriert, was Kino bedeutet und wie es funktioniert.

Da sind zunächst mal die ästhetischen Mittel. Das 70mm-Vistavision-Format und die satten Farben verführen zum Sehen, bewirken gleichzeitig eine gewisse selbstreflexive Künstlichkeit. Durch suggestive Bildkompositionen und Montage schafft Hitchcock ein ums andere Mal das so gerühmte »pure cinema«, die Konstruktion von Stimmungen, psychologischen und narrativen Implikationen, die einzig und allein im Zusammenspiel von audiovisuellen Mitteln erreicht werden. Am tiefsinnigsten ist hier das Motiv der Spirale, die schon im Vorspann den Zuschauer regelrecht in den Bildschirm saugt. Im Film taucht sie in so unterschiedlichen Variationen wie der Autofahrt durch San Francisco, der Wendeltreppe, und sogar als musikalisches Leitmotiv wieder auf und natürlich in der vielanalysierten vorwärtsgerichteten Kamerafahrt bei gleichzeitigem Rauszoomen. In diesem Moment löst sich der Film von den Einengungen der Darstellung einer objektiven Realität und suggeriert eine rein subjektive Sicht auf die Welt. Der Zuschauer bekommt praktisch vorgeführt, wie die mediale Vermittlung der gewohnten Umgebung durch die Kameralinse verzerrt wird. Gleichzeitig ist diese Verzerrung auch eine psychologische. Wir sehen nicht nur, was der Held sieht, sondern auch, wie er es sieht. Und dieses filmisch-psychologische Zerrbild der Realität ist auch das Thema der Filmhandlung.

Im Grunde genommen dreht sich die Geschichte von Vertigo um die Unerfüllbarkeit von (sexuell motiviertem) Verlangen. Was an sich schon eine spannende Grundidee ist, wird durch die Kopplung an das ständig betonte Motiv des Sehens direkt mit dem Kinoerlebnis verbunden. Genau wie James Stewart sein Begehren auf die von Kim Novak gespielte Judy projiziert, projiziert der Zuschauer seine Lust am Sehen auf die Leinwand. In beiden Fällen ist die Vereinigung mit dem Objekt der Begierde unmöglich, was nichts daran ändert, daß sowohl Protagonist als auch Zuschauer ihm unermüdlich folgen, mit Blicken, mit der Phantasie. Dabei ist Stewarts zwanghafte Umformung Judys hin zu der fiktionalen Madeleine so etwas wie die pathologisch exzessive Fortführung des Voyeurismus mit anderen Mitteln, die aktive Erschaffung des Lustobjekts. Das ist ebenso Ausdruck von patriarchischem Wunschdenken wie vom Kinoerlebnis selbst. Denn sobald die Verschmelzung mit der Fiktion so nahe scheint, sobald Judy zu Madeleine geworden ist, wird sich Stewart der großen Lüge bewußt, erkennt die Fiktion und sieht sie sterben. Aber sie muß auch sterben, denn die Sehnsucht ist immer flüchtig, darf nie befriedigt werden.

In dem Moment höchster Dramatik endet auch der Film, reißt den Zuschauer abrupt aus der Illusion und entläßt ihn zurück in die Realität, die doch so trist und gewöhnlich ist. Das Kino aber bleibt nur ein flüchtiger Ausdruck von Träumen und Wünschen, doch gerade das macht es ewig faszinierend. Kein Film hat dies überzeugender, intelligenter und ergreifender dargestellt als Vertigo. 2009-12-16 12:00

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