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Leoparden küßt man nicht

Bringing Up Baby. USA 1938. R: Howard Hawks. B: Dudley Nichols, Hagar Wilde. K: Russell Metty. S: George Hively M: Roy Webb. P: RKO Radio Pictures. D: Katharine Hepburn, Cary Grant, Charles Ruggles, Walter Catlett, Barry Fitzgerald, May Robson, Fritz Feld, Leona Roberts u.a.
102 Min.

»It’s all a game anyway«

Von Martin Holtz Nach rudimentärer Definition zeichnet sich die Komödie im Gegensatz zur Tragödie dadurch aus, daß das im Laufe der Handlung entstandene Chaos und der Identitätsverlust des Helden am Ende aufgelöst und geordnet werden. Die zumindest temporäre Umwälzung der Ordnung allerdings hat etwas Faszinierendes, weil sie auf heitere Art gesellschaftliche Zwänge aufzeigen und unterwandern kann. Komödien sind also eine Art kulturelles Ventil, das subversive Tendenzen gleichzeitig anspricht und neutralisiert. Die besten Komödien schaffen es, das Chaos so verführerisch zu gestalten, daß man auf Ordnung eigentlich getrost verzichten kann. Leoparden küßt man nicht ist so eine großartige Komödie, sicher eine der besten Hollywoods, weil in ihr Chaos nicht nur verführerisch ist, sondern auch durch Ordnung bedingt zu sein scheint und die beiden irgendwann nicht mehr klar voneinander zu trennen sind.

Die zwei Faktoren, die maßgeblich das Genie des Films formen, sind das Genre der Screwball-Komödie und der Auteur Howard Hawks. Die Screwball-Komödien blühten zu einer bestimmten Zeit in der Hollywoodgeschichte auf, nämlich genau nach der Einführung des Production Codes 1935, der speziell die Darstellung und auch Andeutung von Sexualität stark regulierte. Die »sex comedies« der frühen 1930er à la Mae West und Jean Harlow waren passé. Stattdessen sorgte der Code dafür, daß nichts mehr offen ausgesprochen werden durfte, funktionierte praktisch als industrielles Superego. Und wenn der filmische Sexualtrieb so plötzlich unterdrückt wird, wird man schnell mal verrückt. Das ordnende Element schafft Chaos. Die Screwball oder Crazy Comedies wimmeln nur so von verrückten Typen, die irgendwie ihrer aufgestauten Sexualität Ausdruck verschaffen müssen.

Als Hawkssche Powerfrau ist Katharine Hepburn umwerfend durchgeknallt. Natürlich will sie eigentlich nur mit Cary Grant ins Bett, aber das darf sie halt nicht einfach so sagen. Stattdessen spielt sie mit seinen Golfbällen, fährt sein Auto zu Schrott, zerreißt seine Kleider, kichert wie ein kleines Kind, mißversteht ihn absichtlich und spielt je nach Situation auch schon mal die »damsel in distress« oder die toughe Gangsterbraut. Das ganze Gesellschaftssystem gerät im Film aus den Fugen, je mehr versucht wird, Ordnung aufrecht zu erhalten, etwa wenn Cary Grant gezwungen ist, eng angeschmiegt an Katharine Hepburn unter schallendem Gelächter die Party zu verlassen, weil ihr Kleid zerrissen ist, oder wenn Charlie Ruggles, natürlich streng im Dienste der Wissenschaft, täuschend echt den Paarungsruf des Leoparden nachahmt. Und auch das Gesetz ist nicht in der Lage, dem im Verlauf der Handlung entstandenen Chaos von Mißverständnissen, falschen Identitäten und entlaufenen Leoparden Herr zu werden. Integrität und Absurdität gehen Hand in Hand.

Hier kommt Howard Hawks ins Spiel, dessen Filme, das haben schon Peter Wollen und Robin Wood festgestellt, gekennzeichnet sind vom Konflikt zwischen Professionalität und Unverantwortlichkeit. Während in seinen Western und Kriegsfilmen stets die Tugend vom pragmatischen, zielgerichteten Handeln des Helden geehrt wird, triumphiert in seinen Komödien die Lust an der Anarchie. Als trotteliger Professor auf der Suche nach seinem Dinosaurierknochen (das englische »bone« ist natürlich eine der vielen eindeutigen Zweideutigkeiten im Film, steht gleichsam für Knochen wie für Phallus) entspricht Cary Grant so gar nicht dem Männlichkeitsideal. Unfähig, den Frauen in seinem Leben Paroli zu bieten, läuft er irgendwann selbst in Frauenkleidern umher, springt in die Luft und ruft »I went gay all of a sudden«. Er ist der Gegenentwurf zum virilen John-Wayne-Typus. Der Witz ist aber nun, daß der vollständige Identitätsverlust des Helden genau dann passiert, als Cary Grant am Ende plötzlich zum Retter in der Not wird und todesmutig den wilden Leoparden einfängt. Chaos beseitigt, Geschlechterrollen wiederhergestellt? Nun ja, nicht ganz. Das letzte Wort hat natürlich Katharine Hepburn, und wenn sie am Ende das Dinosaurierskelett zum Einsturz bringt, ist klar, hier hat das Chaos gesiegt. Aber wie sie selbst im Film sagt: »It’s all a game anyway.« 2009-12-09 14:58

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