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Harry und Sally

When Harry Met Sally. USA 1989. R: Rob Reiner. B: Nora Ephron. K: Barry Sonnenfeld. S: Robert Leighton. M: Harry Connick, Jr. P: Castle Rock. D: Billy Crystal, Meg Ryan, Bruno Kirby, Carrie Fisher, Steven Ford, Gretchen Palmer, Kevin Rooney, Joseph Hunt u.a.
96 Min.

Wir können ja Freunde bleiben

Von Daniel Bickermann Man muß sich die Atmosphäre im Jahr 1989 vorstellen, als dieser Film entstand: Das Kino wurde beherrscht vom Zweikampf zwischen Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger, wer die größere Wummengurke produzieren kann; und die erfolgreichsten Kinokomödien waren Kuck mal, wer da spricht und Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft. In dieser trostlosen Zeit redeten auf der Leinwand plötzlich ein Mann und eine Frau über ihre Gefühle. Sie taten es mit Ehrlichkeit, Witz, Klugheit und Charme, sie taten es über Jahre hinweg, und man fragte sich unweigerlich, warum das eigentlich nicht alle Leute und vor allem alle Filme so machten. Harry und Sally war eine Wiederbelebung des Geschlechterkampfs als Screwball-Komödie in einer Zeit, da diese Form seit drei Jahrzehnten scheintot auf dem Boden des Schneidetischs lag.

Wer war verantwortlich für diese triumphale Reanimation? Tatsächlich ist der Film ein perfekter Zusammenschluß der richtigen Leute zur richtigen Zeit. Natürlich spielen Billy Crystal und Meg Ryan so begnadet, daß der Film ohne die beiden undenkbar erscheint. Und doch sollte dies der Höhepunkt ihrer beider Filmkarrieren bleiben. Lag es vielleicht doch an Regisseur Reiner? Auch dessen Œuvre hat goldene Höhepunkte, aber auch echte Enttäuschungen und scheint stark von der Qualität des Drehbuchs abhängig zu sein. Und genauso schwer ist es, Drehbuchautorin Nora Ephron als Alleinverantwortliche herauszustellen (dafür hat sie inzwischen mit allzu wechselhaftem Ergebnis versucht, den gleichen Versuchsaufbau zu wiederholen) – aber es ist auch kaum möglich, sich den Film ohne ihre brillanten Dialoge vorzustellen. Nein, hier ist Film ganz Kollektivarbeit, und wie durch einen goldenen Zufall sitzt hier jeder genau an dem Platz, an den er gehört.

So hat der Film denn auch alles: Eine ebenso provokative wie dann doch tiefgreifende Grundfrage (Können Männer und Frauen Freunde sein? Und wenn ja, wie sieht das dann mit der Liebe aus?), zwei keineswegs zuckersüße, sondern gerade richtig austarierte Hauptfiguren (Crystal gibt den leicht arroganten Polit-Snob, der sich vom Weiberheld zum Scheidungsopfer und Frauenversteher mausert; Ryan die idealistische Journalistin, die sich von spießiger Prinzipientreue in eine spielerische Lebefrau verwandelt), eine Handvoll grandioser Nebendarsteller (vor allem der zu Lebzeiten immer wieder unterschätzte und übersehene Bruno Kirby und die endlich aus den Star Wars-Tiefen zurückgekehrte Carrie Fisher), ein schier endloses Feuerwerk an absurden Sight Gags (die Traubenkerne, die Harry gegen das Beifahrerfenster spuckt; das Scheidungsgespräch inmitten einer Laola-Welle), melancholische Situationskomik (das Stöhnen vor dem Schlafengehen; das öffentliche Karaoke) und gnadenlose Oneliner („Ted Kennedy? Tot?!“). Vor allem aber hat Harry und Sally ein echtes, schlagendes Herz.

Daß sich die Beziehungskomödien nach einigen Jahren voller Epigonen und schwächerer Nachahmer inzwischen wieder zu den klamaukigen Familienschmonzetten zurückentwickelt haben (und niemand kann mir erzählen, daß die sinkende Geburtenrate der Bundesrepublik damit nicht direkt zusammenhängen würde), zeigt nur, wie wichtig alle paar Jahrzehnte mal ein solcher Paukenschlag ist. Denn Harry und Sally ist mehr als ein Film, Harry und Sally ist eine Lebensform. 2009-11-18 11:15

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