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Batmans Rückkehr

Batman Returns. USA 1992. R: Tim Burton. B: Daniel Waters. K: Stefan Czapsky. S: Bob Badami, Chris Lebenzon. M: Danny Elfman. P: Warner Bros., PolyGram. D: Michael Keaton, Danny DeVito, Michelle Pfeiffer, Christopher Walken, Michael Gough, Michael Murphy, Cristi Conaway, Andrew Bryniarski, Pat Hingle u.a.
126 Min.

Achilles in Leder

Von Daniel Bickermann Es kommt nicht häufig vor, daß man in einem filmwissenschaftlichen Kontext eine Literaturwissenschaftlerin lobend erwähnen darf, aber dies ist mit Sicherheit ein solcher Fall: Elisabeth Bronfen hat in ihrem Aufsatz »Liebeszerstückelungen«, der eigentlich Heinrich von Kleists Skandalstück »Penthesilea« behandelt, einen ebenso originellen wie augenöffnenden Schlüssel für das Verständnis von Tim Burtons zweitem und, soviel sei vorweggenommen, besten Batman-Film geliefert: Sie vergleicht die moralisch komplexe Selina Kyle alias Catwoman, die in den klar abgegrenzten Männerkrieg zwischen Helden und Bösewichten in Gotham eingreift und beide Seiten verängstigt und verwirrt, mit der Kleistschen Amazone Penthesilea, die scheinbar aus reiner Kampfeslust alle Beteiligten des Trojanischen Kriegs aufmischt. Hinzu kommt eine frappierende sexuelle Parallele aus Blut und Schweiß, Penthesileas »Küsse« (»Küsse« und »Bisse«, sinniert die Heldin bei Kleist, wären schon sprachlich so ähnlich, daß man sie mal verwechseln könnte) sind ebenso tödlich für den Geliebten (sie zerreißt Achilles buchstäblich bei lebendigem Leibe mit ihren Zähnen) wie Catwomans abschließender, stromleitender Kuß für ihren ehemaligen Chef Max Shrek. Sex als Gewalt und Gewalt als Sex – da nimmt sich die männerfressende Amazone und die peitschenschwingende Latexheldin nicht viel. Zudem stehen beiden jeweils mythische Krieger ihrer Zeit gegenüber, Batman und Achilles, die der sexuellen Attraktion der Feindin erlegen und auch ihrem Gewaltfetisch durchaus angetan sind und vergeblich versuchen, ihren rasenden Liebhaberinnen zu einem bürgerlichen Leben oder zumindest zu einem bürgerlichen Doppelleben zu überreden.

Kleists körperfetischistische und kannibalistisch sexuelle Tragödie war natürlich ein provozierendes Gegenstück zur aseptischen, platonischen und belehrend moralischen Altertumsvorstellung der restlichen deutschen Klassik um ihn herum und insbesondere zu Goethes Edellangweiler »Iphigenie«. Zwischen der selbstaufopfernden edlen Seele in ihrem Dialogstück und der männerzerfleischenden Amazone in ihrem Bühnenblutbad könnte der Kontrast nicht größer sein. Und tatsächlich hat sich Burtons Film nicht nur den Vergleich mit dem inzwischen legendären Stück deutscher Bühnengeschichte verdient, sondern auch mit der dahinterstehenden, anachronistischen Ikonoklastik: Burton brachte mit Batman Returns eine psychologische Tiefe in den Superheldenfilm, die lange Zeit unerreicht blieb, und eine sexuelle Komponente, die noch heute neu und gewagt wirkt.

Tatsächlich ist alles in Batman Returns entspannter und kunstsinniger als in Burtons teilweise unstetem ersten Teil. Bei diesem zeigte sich der junge Regie-Visionär noch spürbar überrumpelt von den Ausmaßen seiner Blockbusterproduktion und kämpfte zudem mit den üblichen Problemen eines Franchise-Beginns: Unscharfe Nebenfiguren, ein nicht auserzählter Protagonist und ein gewaltiger Druck von übermäßig viel Exposition. Doch Burton zog aus dem überwältigenden Erfolg des Vorgängers genau die richtigen Schlüsse für sein Sequel, das er zu einem echten Autorenfilm mit seiner unverwechselbaren Handschrift formte. In Design und Stimmung machte er sich Gotham City endlich komplett untertan, indem er die bonbonfarbenen Tendenzen des Vorgängerfilms (denen Joel Schumacher in seinen tragisch fehlgeleiteten Sequels dann vollends frönte) zugunsten seiner verdrehten Edgar-Allan-Poe-Hommagen ganz aufgab. Von der anfänglichen Attacke einer Clown-Bande auf die Stadt über die bedrohlichen Tiersymboliken bis zu den bizarren Sequenzen in den Abwasserkanälen Gothams dringt feinstes Burton-Bouquet aus allen Poren dieses Films.

Und so formvollendet und raffiniert Danny DeVito und Christopher Walken ihre Bösewichte auch spielen und so souverän Michael Keaton endlich als Achilles in schwarzem Leder geworden ist, so ist doch Michelle Pfeiffers Catwoman die eigentliche Seele des Films, und ihre letztlich unaufgelöste Romanze mit Batman, diese latente Latex-Liaison zweier Kostüm- und Körperfetischisten, ist eine der traurigsten Teaser der letzten zwanzig Jahre Filmgeschichte: Mangels eines weiteren Burton-Sequels wird die Zuschauerphantasie wohl noch ewig weiterspekulieren, wieviel Spaß man mit diesen beiden brillanten Figuren noch hätte haben können, wenn sie eine Fortsetzung ihrer Geschichte, nachdem das Ende von Batman Returns geradezu schreit, doch noch gekriegt hätten. So bleiben immerhin 90 Minuten besten Kinos, inszeniert von einem visuellen Meister auf der Höhe seiner Kunst, interpretiert von brillanten Schauspielern und überbordend mit literarischen und psychologischen Untertönen, die weit über die Oberfläche eines Unterhaltungsfilms hinausweisen. 2009-11-02 14:51

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