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Django

USA 1966. R,B: Sergio Corbucci. B: Bruno Corbucci, Franco Rossetti, José G. Maesso, Piero Vivarelli. K: Enzo Barboni. S: Nino Baragli, Sergio Montanari. M: Luis Enríquez Bacalov. P: B. R. C./Tecisa. D: Franco Nero, José Bódalo, Loredana Nusciak, Ángel Álvarez, Gino Pernice, Simón Arriaga, Giovanni Ivan Scratuglia, Remo De Angelis, Rafael Albaicín, José Canalejas u.a.
88 Min.

Mit dem Sarg nach Westen

Von Martin Holtz Django gilt neben Für eine Handvoll Dollar (1964) als ein Gründungsfilm für den Italowestern, obwohl Leone in seinem Frühwerk, der ja auch nicht der erste italienische Western war, schon zwei Jahre zuvor alle wichtigen Elemente versammelte, die für nachfolgende Vertreter prägend sein sollten. Zuerst einmal bewies Leone, daß dieses dezidiert amerikanische Genre sehr wohl als filmische Universalsprache verstanden werden kann und dementsprechend auch in anderen kulturellen Kontexten bzw. als externer Kommentar zur international einflußreichen Kultur Amerikas funktioniert. Dazu formulierte Leone eine ganz eigene Ästhetik, gekennzeichnet von einer befremdlichen, minimalistischen und amoralischen Wüstenlandschaft, in der eine neue Art von (Anti-)Held, der stoische Drifter, aus einer zynischen und von Gier bestimmten Sichtweise heraus ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Hinzu kam der Hang zur Brutalität und die katholische Symbolik, etwa wenn der Held dann doch, in alttestamentarischer Umdeutung der Christusfigur, nach der eigenen Auferstehung mit Auge-um-Auge-Logik die Schurken erledigt, um die archetypische Familie (ja, tatsächlich Maria und Jesus) zu retten. Leone zeigte mit der Verbindung von verschiedenen kulturellen Ausdrucksformen, daß das Genre selbst eine Ansammlung von Zeichen und Symbolen ist, die in ihrer narratologischen Verwendung kulturelle Identitäten schaffen und Werte vermitteln bzw. unterwandern.

Was ist also Sergio Corbuccis Beitrag zur Gattung? Wie schon Leone von den Amerikanern, übernimmt Corbucci vieles von seinem Vorgänger und steigert das Ganze ins Exzessive. Django ist noch um einiges brutaler, surrealer und übertriebener als Für eine Handvoll Dollar. Der Film zeigt einen geradezu unbändigen Willen zum Über-die-Stränge-Schlagen. Ging es bei Leone um die eklektische Umdeutung und Rekombination von Genreelementen, liegt bei Django der Fokus auf der Übersteigerung des schon Dagewesenen, und dieser barocke Ansatz macht ihn zu einem essentiellen Vertreter der Spezies. Denn gerade durch den Exzeß betont der Italowestern als interkulturelles Phänomen die fließende Grenze zwischen den Kulturen und stellt deren Performativität zur Schau.

Das Handlungsgerüst ist bei Leone und Corbucci gleich. Der Held kommt in die Stadt, spielt zwei Banden gegeneinander aus, erst ausschließlich, um finanziell Profit zu schlagen, dann, gefoltert und geläutert, um als Retter Rache zu nehmen. Aber: Corbucci stilisiert die ohnehin schon konstruierte Geschichte durch hemmungslos überzogene Symbolik in einen filmischen Rausch. Am bekanntesten ist natürlich das Maschinengewehr im praktischen Reisesarg, das das Spektakel des Sterbens als bizarre Parodie des klassischen Westernduells in lustvoll sadistische Höhen schraubt. Sicherlich sind die späteren Peckinpahschen Gewaltexzesse ohne Franco Neros manische Tötungsorgie kaum vorstellbar. Dazu gibt es auf filmischer Ebene ein Trommelfeuer an Schnitten, Close Ups und Zooms, die sich auch in späteren amerikanischen Produktionen wiederfinden. Das Finale auf dem Friedhof, wenn Django mit gebrochenen Händen ein Kreuz zu Hilfe nehmen muß, um die Pistole zu balancieren, ist eine ähnlich groteske Plünderung biblischer Symbolik.

Ohnehin ist der Handlungsschauplatz ein wahres Höllenloch. Die Stadt ist eine Ansammlung von zerfallenen Häusern, von denen nur das Bordell bewohnt ist, wobei die meisten Menschen natürlich auf dem Friedhof zu finden sind. Im Schlamm schlagen sich die Huren, dem heuchlerischen Priester wird ein Ohr abgeschnitten und in den Mund gesteckt, der rassistische Rancher und seine Leute verbringen ihre Freizeit damit, mexikanische Arbeiter übers Feld zu jagen und wie die Tiere abzuschießen, und die »Revolutionäre« saufen, huren rum und gieren nach Geld. Vor allem die Darstellung der beiden rivalisierenden Banden überspitzt viele Elemente, die Leone nur andeutete. Aber erst in Django bringen die Arroganz und der Rassismus des aristokratisch angehauchten Großgrundbesitzers und die Korruptheit und Trägheit der revolutionären Gegenbewegung eine politische Ebene des Rassen- und Klassenkampfes in das Genre, die später von Leone und Sergio Sollima noch vertieft werden sollte. Damit schaffte Django den Brückenschlag von abstrakter Genredekonstruktion zu zeitgenössischer politischer Relevanz. Auch das macht den Film zu einem fundamentalen Genreklassiker. 2009-10-02 10:46
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