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Starship Troopers

USA 1997. R: Paul Verhoeven. B: Edward Neumeier. K: Jost Vacano. S: Mark Goldblatt, Caroline Ross. M: Basil Poledouris. P: Jon Davison. D: Casper Van Dien, Dina Meyer, Denise Richards, Jake Busey, Neil Patrick Harris, Clancy Brown, Seth Gilliam, Patrick Muldoon u.a.
129 Min.

Heil Hollywood

Von Martin Holtz Eine Steinwüste in gleißendem Sonnenlicht. Der Feind bewegt sich mit schnellem Tempo aber offensichtlich nichtsahnend durch heimisches Territorium. Dann plötzlich ein Luftangriff. Eine Staffel Jagdflieger wirft mit tödlicher Präzision Brandbomben auf die panisch davonlaufenden Einheiten, von denen die meisten chancenlos in den Flammen umkommen. Dann taucht ein Zug einer Infanteriespezialeinheit hinter den schroffen Hügeln auf, mit dem Ziel die versprengten Truppen, die Unterschlupf in den Felshöhlen gewonnen haben, auszuräuchern.

Nein, dies ist keine Episode der Operation Enduring Freedom in Afghanistan im Oktober 2001, dies ist eine prophetische Szene aus Starship Troopers, der vier Jahre zuvor entstand, und sie zeigt exemplarisch, wie weit der Film seiner Zeit voraus war. Heute, im Jahre 2009, mit Rückblick auf die weltpolitischen und auch filmästhetischen Entwicklungen seit 1997, kann man den Film sicherlich zu den Höhepunkten des 1990er Jahre Hollywood-Kinos zählen. Er ist, ästhetisch wie ideologisch, Hollywood at its best, weil er zeigt, was man mit dieser Art von Kino so anstellen kann. In seiner Konsequenz ist der Film ein einziger dreister Spaß, bei dem man sich zuerst mal fragt, wie sowas überhaupt zustande kommen konnte und dann, warum sowas nicht öfters passiert.

Ein Spaß ist er allein schon wegen seiner Unverfrorenheit. Mitunter ist es schockierend zu sehen, wie selbstverständlich und mit sichtlichem Vergnügen der Film extreme Gewaltdarstellungen und eine volle Breitseite Faschismus mit Hollywood-Klischees zusammenführt. Das Genie des Films ist es aber aufzuzeigen, wie diese Elemente einander geradezu symbiotisch zu bedingen scheinen. Das macht ihn zu einer brillanten Satire von einer barocken Sprengkraft, wie sie die späten 1950er in den besten Werken von Ford, Hitchcock, Minnelli und Sirk hervorbrachte, indem sie die Künstlichkeit Hollywoods und dessen ideologische Paradoxien und ästhetische Manierismen ins Exzessive übersteigerten, um sie so bloßzulegen. Genau diese Herangehensweise an das (post)moderne Popcorn-Kino machte Verhoeven zu einem der interessantesten Hollywood-Regisseure der 1990er. Als Exilant eignete er sich den ohnehin schon exzessiven Stil des populären amerikanischen Unterhaltungskinos an, um ihn nochmal zu steigern. Damit war er gleichzeitig ein essentieller Studioregisseur und ein subversives Element im System.

Starship Troopers bleibt sein Meisterstück, das an Genialität solch barocke Werke wie RoboCop (1987), Total Recall (1990) und Basic Instinct (1992) noch übersteigt. Seine satirischen Spitzen sind universeller, konsequenter und krasser in der Art und Weise, wie der Film sich ausgiebig bei Hollywoods Genrekonventionen und ideologischen Konzepten bedient.

In erster Linie sind dies die Konventionen des Kriegsfilms, und dort gilt natürlich: Der Feind ist böse und verdient den Tod, darf aber keinesfalls potentielles Publikum abschrecken. Also macht man aus ihm, getreu der Spielberg-Formel, entweder Nazis oder Aliens. Die haben keine Lobby und eignen sich wunderbar als Projektionsfläche für interkulturellen Hass, worauf Ideologien von nationaler Überlegenheit ja beruhen. Bezeichnenderweise zeigt der Film, daß wir, wenn wir uns schon entscheiden müssen, eher den Nazis als den Aliens zujubeln. Damit schafft es Verhoeven, eine ideologische Grundkomponente des Genres, und des Hollywood-Films insgesamt, satirisch zu attackieren. Deren immanenter Patriotismus wird dahingehend unterlaufen, daß die Helden, die Gesellschaft, das ganze System offensichtlich faschistisch, kriegstreiberisch und gewaltgeil sind, aber gleichzeitig so wunderbar amerikanisch. Es paßt einfach alles gut zusammen, ist sogar verführerisch: knallbunt wie ein MGM-Musical (wobei die buntesten Farben immer noch zerhäckselte Menschenkörper hergeben, womit denn auch die klassische Hollywood-Farbdramaturgie schlüssig zu Ende geführt wird), globalisiert, gleichberechtigt, bevölkert von hübschen Menschen, die ebenso selbstverständlich High-School-Football spielen wie in den Krieg zu ziehen. Es ist eine amerikanische Plastikfantasiewelt, gebrochen durch das faschistische Prisma.

Faschistisch ist aber eben nicht nur die Riefenstahl-Ästhetik, die NS-Symbolik und die hemmungslos überzogenen eingestreuten Propagandafilme, sondern auch die allseits bekannten Genreversatzstücke: die Coming-of-Age-Geschichte des Helden, die durch Rebellion gegen die Vaterfiguren, Anpassung und schließlich Verantwortungsübernahme zu männlicher Reife führt, mit der Botschaft von regenerativer Gewalt zum Wohle von Selbstentwicklung und Vaterland, die Drei- bis Vierecksromanze, die sich problemlos von Beverly Hills in einen totalitären Staat verlegen lässt, und die kleinen Klischees, wie der Ausbilder, der lieber als Gefreiter kämpft, die idealistischen Soldaten, deren Naivität mit dem Leben bezahlt wird, der Respekt vor den Gefallenen, der Dienstgradfetischismus, der Jugendfreundschaften aufhebt. Und ja, natürlich ist Krieg scheiße und schlimmer als erwartet, aber er wird nie hinterfragt, wird letztlich natürlich gewonnen und stählt die Integrität von kernigen Individuen und dem nationalen Gesamtgefüge.

Der Film mündet in einer Mobilisierungscoda, die suggeriert, daß alles Vorangegangene eine einzige, große, 100-Millionen-Dollar Nazipropaganda war. Daß sowas aus dem Hollywood der 1990er kommen konnte und ein paar Jähre später fast unverändert im Realen nachgespielt wurde, macht den Film zu einer subversiven Sternstunde des amerikanischen Kinos, wofür man Verhoeven wirklich dankbar sein kann. In diesem Sinne, Join the Mobile Infantery und Heil Hollywood. 2009-09-17 15:19
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