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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Tanz der Annäherung

Borowski und die Sterne (NDR/Kiel, EA: 20.9.09)

Von Daniel Bickermann Man merkt eben doch, ob ein Tatort aus einem Guß entsteht, geschrieben und inszeniert von derselben Person. Und man merkt, wenn diese Person eine der führenden Filmemacherinnen Deutschlands ist: Angelina Maccarone, die mit Verfolgt, Fremde Haut und Vivere einige der exquisitesten deutschen Kinofilme der letzten Jahre beisteuerte, sorgt für einen Höhepunkt des Tatort-Jahres, der soweit hervorsticht, daß man sich lange zurückerinnern muß, wann man das letzte Mal so begeistert war.

Sicher, viele der Voraussetzungen waren schon optimal: Die Chemie zwischen dem in dieser Rolle preisgekrönten Axel Milberg als schroffem Kieler Kommissar und Maren Eggert als der ausweichenden Polizeipsychologin sorgten für die größte amouröse Spannung zwischen einem Tatort-Ermittlerteam seit… nun ja, mindestens seit Brockmöller und Stoever.

Es begeisterte dabei weniger die Tatsache, daß Borowski und Jung nach langem Tanz umeinander und steter Annäherung nun endlich zusammenkamen (obwohl man schon vor dieser mutigen Entscheidung den Hut ziehen muß), sondern vor allem, wie das geschah. Maccarone lieferte eines der schlagfertigsten Dialogdrehbücher der letzten Zeit, das in relativ geringer Zeit einen immer unterhaltsamen und realistischen Spannungsbogen durch die Geschichte zog. Und selbst noch im Bett, in der größtmöglichen Intimität, fand sie die genau richtigen Worte, die ihre brillanten Schauspieler dankbar annahmen.

Der Fall? Ach ja, der Fall. Sogar der ertrank nicht unter dem Gewicht der Nebenhandlung. Hugo Egon Balder (ja, genau jener Hugo Egon Balder) überzeugte tatsächlich als alternder Udo-Lindenberg-Verschnitt, um den herum sich eine Intrige um Vaterschaft, Groupietum und Geldsorgen herausbildet. Aber auch in diesem Aspekt war die Inszenierung König: Gemeinsam mit Kameramann Hans Fromm und der kongenialen Editorin Bettina Böhler, die seit Jahren praktisch symbiotisch mit Maccarone zusammenarbeitet, kostet die Regisseurin vor allem die ersten zwanzig Minuten genüßlich aus: Das Publikum wartet auf einen Mord, und Maccarone weiß es. Sie nutzt die Zeit, um gemeine Zwischenschnitte auf skurrile Nebencharaktere zu setzen, die sie in grellen Farben und leichter Verzerrung in entsprechend abseitiges Licht stellt. Von solchen Figuren, wie dem haarsträubend neugierigen Zimmermädchen oder einem dementen Seemann, der merhmals im Rollstuhl durch die Szenerie geschoben wird und wie einst die alten Männer von Loriot eine immergleiche Phrase im immergleichen Tonfall herunterfaselt, wimmelt es hier. Und zu allem Überfluß läßt sich Maccarone dann vom Hotel-Setting des Films zu der einen oder anderen augenzwinkernden Hommage an Shining oder Barton Fink hinreißen. Kurzum, einer der gelungensten Tatort-Abende der letzten Zeit, und ist der Ball erst mal meisterhaft zurückgeschlagen in die Hälfte des Nachfolgerteam für Drehbuch und Regie, das die undankbare Aufgabe hat, aus der in voller Blüte stehenden Ermittlerbeziehung etwas zu machen und gleichzeitig ein ähnlich hohes Inszenierungsniveau zu halten. Wir werden zuschauen, und wir sind gespannt wie selten. 2009-09-21 08:44

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