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Tropical Malady

Sud Pralad. F/T/I/D 2004. R,B: Apichatpong Weerasethakul. K: Vichit Tanapanitch, Jarin Pengpanitch, Jean-Louis Vialard. S: Lee Chatametikool, Jacopo Quadri. P: Anna Sanders Films, Kick the Machine, TIFA, Downtown u.a. D: Banlop Lomnoi, Sakda Kaewbuadee, Sirivech Jareonchon, Udom Promma, Huai Deesom.
118 Min. Salzgeber ab 27.10.05

Nachts ist der Dschungel nicht sichtbar

Von Tina Hedwig Kaiser Zwei junge Thailänder, der Bauernsohn Tong und der Soldat Keng, verbringen ihre erste schüchtern-verliebte Zeit zwischen Herumlungern auf der dörflichen Terrasse und der städtischen Karaoke-Bar. Ihr gemeinsames Driften, das grundsätzlich nicht vieler Worte bedarf, entwickelt einen sehr eigenen und entspannten Sog, der in langsamen Szenen und vielen Details eingefangen wird und der nie Fragen nach einem »wieso, weshalb, warum« nötig werden läßt. Selbstverständlichkeiten eines gemeinsamen Alltags, der für beide so und nicht anders stattfinden kann. Hier ein Lächeln, da ein noch längeres Lächeln, dann mal eine Moped-Tour, dort ein Gesang. Es könnte ewig so weitergehen. Ginge einer nicht irgendwann in die dunkle Nacht davon. Gäbe es für den anderen nicht das thailändische Militär. Doch die Vertrautheit ist in diesem Moment an einer Schwelle angelangt.

Keng wird zum Einsatz in den Dschungel beordert, denn eine wilde Bestie treibt auf dem Land ihr Unwesen. Tong ist da schon längst verschwunden. Dschungel und immer tieferer Dschungel ist es nun, den der Soldat erkunden muß, um den Viehbestand der Bauern zu retten. Ins dichte Grün der Landschaft und in ihre flirrende Hitze scheint sich Keng dennoch immer weniger zu verlieren als zu flüchten. Doch ist er hier wirklich alleine? Oder ist hier etwas oder jemand anderes anwesend, bedroht und beobachtet ihn gar? Im Halbdunkel gibt es viele Schatten. Und die Nacht ist im Dschungel nie wirklich still.

Für Weerasethakul ist es so einmal mehr der Dschungel, der somatische Zustände in Bildern provoziert. Im Halb-Sehen oder Nicht-Sehen von Formen und Flächen tritt etwas anderes in Erscheinung. Ein neues Kino, auf das man lange nicht zu hoffen wagte, und als es dann da war, wollte man seinen Augen erst einmal fast nicht trauen. Der Rhythmus und Zeitablauf dieser Bilder ist einer, der für eine Narration keine Linien braucht. Es ist einer, der auf der Stelle mehr schwebt als steht und sich dabei zugleich in alle Richtungen bewegt. Vor und zurück, was ist Vergangenheit, was Zukunft, ist es jetzt passiert oder wird es passieren? Ist überhaupt etwas pasiert? Was sehe ich hier eigentlich? Was tun sie, was tut er? Tut er überhaupt etwas? Was habe ich jetzt eigentlich gesehen? Das sind die normalen Fragen, die sich bei einem Weerasethakul-Film auf nahezu zauberische Weise ein ums andere Mal einstellen. »Mysterious objects«, nach einem früheren Filmtitel Weerasethakuls, sind diese Filme allemal. In Tropical Malady findet dabei keine sich zunehmend verirrende europäische Reise ins »Herz der Finsternis«, sondern eine sich immer mehr öffnende asiatische Reise in die Weite des grünen Dickichts statt: Keng erfährt fiebernd seinen Körper und die Natur auf mehr und mehr bewußtseinserweiternde Weise. Eine alte Sage von der geliebten Bestie und dem legendären Krieger entspinnt sich so im Hier und Jetzt der Tropen. Im Dunkeln stellen sich nun mal die Sinne schärfer – und Zeitabläufe werden zur Nebensache.

Wer Lust auf traumwandlerisches Dschungelkino ohne gängige Narration, dafür aber mit ungeahnten Zuständen, Beobachtungen und noch ungeahnteren Bildern hat, dem sei dieser Film ans Herz gelegt. 2004 erhielt der mittlerweile mit zahlreichen weiteren Filmen bekannt gewordene thailändische Regisseur für Tropical Malady den Preis der Jury in Cannes. 2009-07-30 16:50
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