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Madonnen

D/CH/B 2007. R,B: Maria Speth. K: Reinhold Vorschneider. S: Dietmar Kraus. P: Pandora Filmproduktions GmbH. D: Gerti Drassl, Charles François, Olivier Gourmet, Sandra Hüller, Susanne Lothar, Peter Moltzen, Luisa Sappelt, Jérémie Segard u.a.
120 Min. Peripher ab 6.12.07

Leben ohne Mobiltelefon

Von Sarah Sander Ein bißchen viel regennasser Beton und bleischwere Himmel und graugraues Dämmerlicht (für einen vorurteilsfreien Blick).
 Ein bißchen viel Wortlosigkeit und Plattenbautentristesse und Jogginghosencharme (für eine nichtgeneralisierende Fallstudie). Ein wenig zu oft die Kamera von hinten, von der Seite, das Gesicht angeschnitten, abgewandt: die Mundwinkel trotzig nach unten gezogen, die Schultern hoch. Die Kleidung: hellblau-grau.
Madonnen von heute haben nicht ihre Farbe eingebüßt, nur an Glanz.

Zu oft ist die Kamera mehrfach distanziert: Durch Telefonzellen- oder Autofrontscheiben, durch darüberrinnenden Regen, durch die Rahmungen, die beide bilden.
 Und doch bleibt sie immer bei ihr: bei Rita, der jungen Mutter, die mit und ohne ihre fünf Sprößlinge hin- und herzieht zwischen Belgien, Frauenstrafvollzug und neuer Wohnung; zwischen der Suche nach dem leiblichen Vater, der Flucht vor der eigenen Mutter und dem Versuch eines neuen Lebens. Die Kamera bleibt bei ihr, ohne jemals subjektiv zu sein; sie beobachtet, schaut zu, erzählt.

Rita, Sandra Hüller, die noch genauso jung und abgeklärt unerfahren wirkt wie in Requiem, sitzt im Bett: die Knie angezogen, in eine Decke gewickelt. Nur ihre Schultern künden nackt von der vergangenen Nacht: »Freut ihr euch denn nicht? Kommt doch her zu mir. Ich habe mich immer gefreut, wenn ich mal ‘nen Tag nicht in die Schule mußte… Kommt! Wir bleiben den ganzen Tag lang im Bett!« Fanny, die Älteste, quittiert das unsichere Lächeln mit Zögern, bis sie endlich ihre vier Küken um die Mutter platziert, die partout nicht Glucke sein will. Spiegelgeschichten. Wie die Mutter so die Tochter und wieder zurück. Ein ums andere mal.

Ähnlich sind sich die beiden nicht nur in ihrer unberechenbaren Dickköpfigkeit; sie gleichen sich auch in der trotzigen Willensstärke und Unabhängigkeit, die Rita schon von ihrer Mutter hat.
 Darin ist der Film konsequent: daß nicht nachvollziehbar bleibt, warum eine Frau tut, was sie tut. Wenn Rita geht, ist sie weg. Auch für Fanny nicht erreichbar. Unabhängigkeit ohne Mobiltelefon. Zum Einschlafen gibt Rita Ina mit der Fingerspitze ein Paar von ihren Sommersprossen ab. Und die bedrückte Morgenstimmung kippt in ausgelassenes Armdrücken. Nicht Kräftemessen, sondern Freundinnenspiele. Kippfiguren, die sich wie das sprichwörtliche Auf und Ab durch den Film ziehen.

Immer wieder schafft es der Film so, sich zu nähern, statt auszustellen. Tastend, partiell, konzentrisch. Liebevoll distanziert? Der Film verfährt im besten Sinne des Wortes oberflächlich: ohne Psychologisierung, wortlos. Aber vorurteilsfrei? Die Ambivalenz zwischen stummem Unverständnis und kritiklosem Porträt bleibt. Wenn Rita weint, ist sie allein. Selbst die Kamera verläßt sie; Maria Speth fordert auf, zu schneiden. Sie will nicht mit billigen Tricks emotionalisieren; sie will ein Porträt, eine Studie. Doch all der Regen und das Grau und der tiefe Himmel; die Jogginghosen, Plattenbauten und Provinztristesse: Warum nur darf Rita, Sandra Hüller, nicht wenigstens in der Disko Rot tragen? Wie damals, in _Requiem_… 2009-07-16 17:19
© 2012, Schnitt Online

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