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Sollbruchstelle

D 2008. R,B,S: Eva Stotz. B: Patricia Fürst. K: András Petrik, Armin Dierolf, Kolja Raschke, Eric Ferranti. S: Claudia Gleisner. M: Jürgen Grözinger. P: dffb.
61 Min.

Die Wärme der vertrauten Scheiße

Von Mark Stöhr Eine Schafherde zieht vorüber. Vorneweg die gesunden Schafe, angeführt von einem buckligen Schäfer. Dann eine Lücke, die Schwachen und Lahmen folgen mit Mühe, manche hinken. Ganz am Ende, nur noch in Sichtweite, schleppen sich die Aussätzigen und vom Tode Gezeichneten heran. Ein Schaf bricht zusammen, es wird von einem zweiten Schäfer gepackt und achtlos in den Kofferraum eines Lieferwagens geworfen. Zu den anderen, die auch nicht mehr Schritt halten konnten. Eine Gruppe von Kindern spricht über die Szene. Ein Mädchen sagt, der Schäfer hätte dem siechen Schaf helfen müssen, es auf den Arm nehmen und mit sich führen. Ein Junge entgegnet, es sei doch nicht die Schuld und Verantwortung des Schäfers, wenn das Schaf nicht mehr laufen könne. Und ein Dritter fragt: Wie ist das in der Natur, wo es gar keinen Schäfer gibt?

Die Gesellschaft ist zum Naturzustand zurückgekehrt. Die einen sind oben, die anderen unten, die einen schaffen es, die anderen bleiben auf der Strecke. Jäger und Gejagte. Davon handelt Sollbruchstelle von Eva Stotz. Von der antastbaren Würde des Einzelnen im Wettbewerb um die Arbeit, die uns mehr und mehr verlorengeht. Wie bei Franz, der 30 Jahre lang in der Autoindustrie als Manager arbeitete und dann die Kündigung erhielt. Er ging vors Arbeitsgericht und bekam Recht. Doch seine Firma wollte seine Arbeitskraft nicht mehr. So saß er viele Monate lang alleine in seinem Büro, durfte mit seinen Kollegen nicht sprechen und schaute aus dem Fenster. Eine Schafherde zog vorüber, Franz war das traurige Schaf, das nicht mehr Schritt halten konnte und entsorgt wurde. Er und die Filmemacherin kennen sich gut: Sie ist seine Tochter.

Eva Stotz bettet das private Drama um ihren Vater, das ihr eigenes Erwachsenwerden begleitete, in eine Symphonie der rastlosen Bewegung und der stillen Traurigkeit. Ein fragmentarisches Fließen von Bildern, in denen Menschen zur Arbeit hetzen und erschöpft wieder zurückkehren, Ansichten von sterilen Bürotürmen und arkadischen Naturlandschaften. Gehört unser Leben uns oder den anderen? Ist Arbeit die alles dominierende Identitätsfabrik, die darüber richtet, ob einer was wert ist oder nicht? In Bewerbungskursen machen sich Schüler fit für die lächelnde Ausbeutung. Jeder Satz ist entscheidend beim Kampf um das Ticket fürs Mittun. In Persönlichkeitstrainings wird der richtige Umgang mit den Arbeitskollegen auf dem Catwalk geschult. Die Begegnung am Kaffeeautomaten im Präsentationsmodus: Was ist das für ein Selbstbewußtsein, das durch Selbstverleugnung entsteht? Ein Teilnehmer nennt das »die Wärme der vertrauten Scheiße«. Lieber ein Leben im Falschen als der Ausbruch ins Unbekannte, Nicht-Sanktionierte.

Der Film entstand vor dem Finanzkollaps. Das macht ihn nicht weniger aktuell. Der Schäfer, nach dem nun im Trümmerfeld so laut gerufen wird, setzt alles daran, das Alte wieder in Ordnung zu bringen. Eva Stotz konstatiert und schaut zu, in geschmeidigen erzählerischen Schleifen, denen man die Handschrift ihres dramaturgischen Beraters Andres Veiel anmerkt. Ihr ästhetischer Zugriff mit seinen durchkomponierten Bildern und tempobewußt gesetzten Schnitten nimmt Anleihen bei der optimierten Oberflächenwelt, die sie beschreibt. Die Krankheit des Nichtkranken, die Brüchigkeit des Bruchlosen streut ihre Metastasen auch in die Formen des Dagegenseins. Der Studentin von der dffb gefällt nicht, was sie sieht, sie will aber mit dem gefallen, wie sie es zeigt. Auch das System Film frißt seine möglichen Gegenentwürfe.

Der einzige Ausbruch in Sollbruchstelle endet in der Katastrophe. Stephan, ein junger Mann, der eine Woche lang in einem riesigen Werbeplakat als lebendes Objekt hängt – Slogan: »Er winkt auch zurück« – und damit für ein paar Euro einen fragwürdigen Weltrekord bricht, hat die Schnauze voll. Einige Zeit nach der Aktion stürzt er sich von einem Hochhaus. Manchmal ist selbst die Wärme der vertrauten Scheiße nicht warm genug. 2009-02-26 15:38

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