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Tödliche Weihnachten

The Long Kiss Goodnight. USA 1996. R: Renny Harlin. B: Shane Black. K: Guillermo Navarro. S: William Goldenberg. M: Alan Silvestri. P: New Line Cinema, Forge. D: Geena Davis, Samuel L. Jackson, Craig Bierko, Brian Cox, David Morse, Yvonne Zima, Tom Amandes, Rex Linn u.a.
116 Min. New Line Cinema

Projekt: Verunsicherung

Von Nils Bothmann Das Aufbrechen früher für selbstverständlich angenommener Strukturen, das allmähliche Verlorengehen von Konstanten, schafft Verunsicherung – Verunsicherungen wie sie das Actionkino in den 1990ern erfahren mußte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war das letzte große Feindbild abhandengekommen, andere Gegnervisionen taugten nur noch als Parodie, wie z.B. die Darstellung arabischer Terroristen von Die nackte Kanone bis zu True Lies – Wahre Lügen zeigte.

Genau an diesem Punkt setzt der von Shane Black geschriebene Tödliche Weihnachten ein, denn die Negation von Sicherheit ist ironischerweise eines der zentralen, also quasi konstanten Themen des Films. Bereits die unter Amnesie leidende Heldin muß im Verlauf der Handlung ihr Vorleben als Killerin mit ihrer neuen Mutterrolle vereinbaren, zumal Geena Davis als feminine Actionheldin bereits die vormals stabilen Gendergrenzen des Genres überschreitet und eindrucksvoll in eine frühere Männerdomäne einbricht. Auch die bereits erwähnte Verunsicherung im Bereich der Feindbilder integriert Tödliche Weihnachten: Durch ihre zeitweilige Amnesie fehlt der Geheimdienstkillerin die Information, daß frühere Feinde nun Freunde der Geheimdienste sind, man quasi eine Neuordnung der (Geheimdienst-)Welt vorgenommen hat. Als Höhepunkt dieses Themenkomplexes kann sicherlich die Information gesehen werden, daß Terroranschläge wie das Bombenattentat auf das World Trade Center Anfang der 1990er Jahre essentiell für Geheimdienste sind, da sie deren Budget stets von neuem rechtfertigen.

Gleichzeitig bietet das Negieren von Sicherheiten auch Anlaß für Ironie: Tödliche Weihnachten spielt, wie der deutsche Titel bereits sagt, um die Weihnachtszeit, wodurch eine kitschige Idylle voller Rentiere, Christbäume und Weihnachtsmänner zum Austragungsort von Schießereien, Nahkämpfen und Verfolgungsjagden wird, die von Genrespezialist Renny Harlin stets bildgewaltig auf die Leinwand gebracht werden. An dieser Umdeutung von Weihnachten hat Chefzyniker Shane Black sichtlich seinen Spaß, würzt das Geschehen mit urkomischen Wortgefechten zwischen der Heldin und ihrem Sidekick, einem schwarzen Privatdetektiv, der weitaus weniger heroisch ist als der klassische Actionheld. Wieder ist eine scheinbare Sicherheit negiert, und Tödliche Weihnachten erreicht sein Klassenziel als Film, der die Regeln seines Genres gleichzeitig bricht und bedient: Denn trotz aller Verunsicherung ist Tödliche Weihnachten ein ebenso spannender wie spektakulärer Vertreter des klassischen Actionkinos. 2008-12-09 12:47

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