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Pappa ante Portas

D 1991. R,B: Vicco von Bülow. K: Gérard Vandenberg. S: Annette Dorn. M: Rolf Wilhelm. P: Rialto Film, Bavaria Film. D: Vicco von Bülow, Evelyn Hamann, Gerrit Schmidt-Foß, Dagmar Biener, Ortrud Beginnen, Inge Wolffberg, Hans-Günter Martens, Irm Hermann u.a.
89 Min.

Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen

Von Sebastian Gosmann Wann genau es passierte, ist schwer zu sagen. Gewiß ist jedoch, daß ich noch ziemlich jung war, als ich mich anläßlich einer späten Fernsehsendung vor Lachen auf dem heimischen Wohnzimmersofa kringelte. Da ich davon ausgehe, daß ich damals nicht zur Gänze verstand, was in diesem blaugefliesten Zeichentrickbadezimmer vor sich ging, das da – weit nach Anbruch meiner von elterlicher Seite auferlegten persönlichen Zubettgehzeit – über den Bildschirm flimmerte, nehme ich an, daß es wohl die lustigen Knollennasen der Herren Dr. Klöbner und Müller-Lüdenscheid waren, die (nicht nur) meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zogen. Oder waren es doch eher die winzig kleinen Pillemänner der beiden dauerzankenden Herrschaften? Mama und Papa jedenfalls amüsierten sich auch ganz prächtig. Zwar sehr wahrscheinlich aus anderen Gründen – über den superben Wortwitz (»Sie können sich in meiner Wanne eine eigene Meinung überhaupt nicht leisten!«) etwa, das exzellente Timing oder die Absurdität der Situation an sich – doch das Entscheidende war, daß ich, der ja schon längst »überfällig« war (Zitat Mama), für die Augen meiner Eltern gut fünf kostbare und äußerst kurzweilige Minuten lang unsichtbar wurde. In Sachen Humor ist Loriot damals wie heute sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner, der die Familie ohne großes »Kraweel« (Zitat Lothar Frohwein) um die Fernbedienung vor dem Fernseher zu vereinen vermag. Ein Bollwerk der Generationenverständigung. Mit »solchen Idioten« (Zitat Papa) wie Helge Schneider (oder war es doch Atze Schröder?) hat eben nicht nur Marcel Reich-Ranicki so seine Probleme.

Doch habe ich Loriot nicht nur die sporadische Verlängerung der Aufbleibzeit in Kindertagen zu verdanken. Auch später, zur Hochzeit meiner Pubertät etwa, hat sich die (mediale) Begegnung mit wahlweise ihm selbst (als außerordentlich unterhaltsamer Dankesredner beispielsweise) oder einem seiner Werke immer gelohnt. Ich bin mir sicher, es war während der gemeinsam besuchten Vorstellung von Pappa ante portas, als mein Vater zur Überzeugung gelangte, seinem Sohn ein solches, ebenso ungelenkes wie peinliches Aufklärungsgespräch, wie wir es gerade zwischen Herrn Lohse und dessen Zögling erlebt haben (»Männer sind…und Frauen auch… überleg dir das mal. Gerade, weil ich es gut mit dir meine.«), zu ersparen. Danke, Loriot, danke, danke, danke!

Der Rentenantritt Heinrich Lohses gerät in Pappa ante portas zur regelrechten Horrorvorstellung, wenn die Kamera die »Täterperspektive« einnimmt und sich, vom knatschenden Fußboden und unheilschwangeren Klängen getragen, an ihr Opfer heranschleicht: die nichtsahnende Gattin in Gestalt der unersetzlichen Evelyn Hamann: »Was machst du denn hier?« »Ich wohne hier.« »Aber doch nicht jetzt, um diese Zeit!«. Die Zeit des nachmittäglichen Tratschtelefonats mit der besten Freundin, die nun ein für allemal vorbei zu sein scheint. Wie soll man sich auch in aller Ruhe über seinen Ehetrottel auslassen, wenn selbiger wie ein Raubtier um einen herumschleicht und dabei mit dem Finger Staubproben vom Wohnzimmermobiliar aufnimmt, um anschließend – mit unverschämt ironischem Tonfall – zu verkünden: »Telefonier’ ruhig weiter. Ich habe Zeit.« Da ist es nur konsequent, wenn Frau Lohse ihren Angetrauten zum »Modelleisenbahnbauen oder was ihr Männer sonst so tut« in den Keller zu verbannen gedenkt. »Kann ich nicht doch lieber wieder nach oben?«, tönt es kleinlaut zurück.

Nicht umsonst spricht Vicco von Bülow, wenn es um die hierzulande für gewöhnlich regungslos vor dem Fernseher verbrachte Freizeit von Mann und Frau geht, gern auch mal von der »häuslichen Haftstrafe«, die die Eheleute nach getaner Arbeit allabendlich abzusitzen hätten. Wieder so ein Moment gnadenloser Wahrheit, in dem sich die halbe Nation ertappt fühlen muß. Was es – selbst für lang verheiratete Paare – heißt, plötzlich 24 Stunden mit der Anwesenheit des Lebenspartners konfrontiert zu sein, bringt von Bülow in seinem zweiten (und letzten) Kinofilm auf derart charmante Weise auf den Punkt, daß nahezu jede der knapp 90 Minuten eine helle Freude ist. Einzig die etwas zu brav geratene Schlußpointe fällt heutzutage unangenehm auf.

Abseits der während des Films immer wieder aufgeworfenen Frage nach dem Verhältnis der Geschlechter (mit dem von der des Morgens zunächst als Hausdiebin verdächtigten und nun leicht angeschickerten Putzhilfe Frau Kleinert so treffend formulierten Befund: »Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen!«) macht Loriot immer wieder das, womit er Fernsehgeschichte schrieb. So bietet Pappa ante portas auch eine Kollektion wunderbarer Sketche wie den legendären »Supermarkt-Sketch« (»Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein«), den als Selbstzitat (an den mausgrauen Hausbesuch in Ödipussi erinnernden) eingestreuten »Hausierer-Sketch« oder – einer der besten überhaupt – den mit Gerd Dudenhöfer als überehrlicher Ober perfekt besetzten »Restaurant-Sketch« (»Würd‘ ich gleich essen, ist nicht sehr heiß«). Bei alledem lebt von Bülow auch gern mal seinen Hang zur schlichten Albernheit (und zu aufwendigen Kostümierungen) aus und schenkt uns in vornehmem Abstand perfekte, mit unvergleichlich stoischer Miene vorgetragene Slapsticknummern. Einfälle wie der wortlos beobachtete Penner, der beim schwungvollen Tritt in Richtung des Allerwertesten seiner Frau wild fuchtelnd auf dem eigenen Hosenboden landet, müssen es wohl sein, die (nicht nur) seine Filme auch für die Kleinen wenn nicht komplett rational faßbar, so doch zumindest zugänglich machen.

Egal, ob ein Sketch oder eine Szene auf das Gesagte oder eher auf Körperkomik ausgerichtet ist, immer sind es – unter dem genauen und strengen Blick des Perfektionisten Vicco von Bülow entstandene – sorgsam ausgeklügelte Humorkunststücke. Paradebeispiel dafür ist wohl die auf der Pappa ante portas-DVD zu bewundernde Probe zur Kaffeeklatschszene, bei der Loriot verzweifelt versucht, die um den Wohnzimmertisch versammelten Damen zum synchronen Zusammenzucken zu kriegen. »Nicht vormucken!«, hört man ihn immer wieder – und in zunehmend ungehaltenem Ton – rufen. Neben seinem legendären Gespür für die Absurditäten des Alltags dürfte es nicht zuletzt dieser Beharrlichkeit in inszenatorischen Dingen zu verdanken sein, daß von Bülows Arbeiten von schier unendlicher Beständigkeit zu sein scheinen. Ein Weinkenner würde sagen: »Gut gealtert.«

Da hat das hiesige Humorpublikum doch tatsächlich einmal Geschmack bewiesen, als es Vicco von Bülow im Rahmen der ZDF-Sendung Unsere Besten 2007 zum beliebtesten Komiker Deutschlands ever kürte. Vor Heinz Erhardt und Otto. Na bitte, wenn es um das Aufstellen einer ewigen Bestenliste geht, kommt der deutsche Fernsehzuschauer zur Besinnung und wählt mit Bedacht. Schließlich geht es bei so was ja nicht zuletzt um das Image des deutschen Kulturguts nach außen. Nicht auszudenken, hätte jemand wie Mario Barth auf dem Siegertreppchen gestanden! 2008-11-17 16:16

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