— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Eins, zwei, drei

One, two, three. USA 1961. R,B: Billy Wilder. B: I.A.L. Diamond. K: Daniel L. Fapp. S: Daniel Mandell. M: André Previn u.a. P: Mirisch Corp., Pyramid Productions. D: James Cagney, Horst Buchholz, Lilo Pulver, Pamela Tiffin, Hanns Lothar, Arlene Francis, Hubert von Meyerinck, Leon Askin, Ralf Wolter, Peter Capell, Karl Lieffen u.a.
115 Min.

Sitzen machen! Anschauen!

Von Daniel Bickermann Es ist die Tragik großer Komödianten, daß ihre lustigsten Filme so oft übersehen werden, verloren gehen oder gleich ganz verboten werden. Woody Allens Stardust Memories wurde links liegen gelassen, Ernst Lubitschs Ärger im Paradies ist weit entfernt von dem Platz in der Komödiengeschichte, den er eigentlich verdient, und Charlie Chaplins Der große Diktator wurde kurzerhand zum ernsthaften Film umgedeutet.

Billy Wilder traf ein ähnliches Schicksal: In seinem Gesamtwerk von schillernder Brillanz fällt Eins, zwei, drei noch immer durchs Raster, und die Deutschen sind daran nicht ganz unschuldig. Mitten in den Dreharbeiten, angeblich drehte Wilder gerade am Brandenburger Tor jene Szene, in der einige Ballons mit »Russki Go Home«-Schriftzug in den Himmel stiegen, errichteten sie doch einfach eine Mauer mitten durchs Set, die den Kalten Krieg mit einem Schlag um einige Grade kälter werden und den Humor der Zeitgenossen schlagartig gefrieren ließ. Dem kurz danach erschienenen Film warf man Pietätlosigkeit vor und politische Trampelei – dabei war es schon damals die raffinierteste und bissigste Analyse des Ost-West-Konflikts.

Wilder bevorzugt dabei niemanden, sondern deckt allenthalben Schwächen auf: Die Amerikaner sind allesamt colagurgelnde Cowboy-Diplomaten, die gierig nach Absatzmärkten und gesellschaftlicher Stellung geifern; die Russen sind heuchlerische Militaristen mit spürbarem sexuellen Nachholbedarf und panischer Angst vor den eigenen Vorgesetzten; und die Deutschen sind ausnahmslos Ex-Nazis, die den Krieg natürlich in diversen Küchenregimentern beim Karrottenraspeln zugebracht haben und deswegen von der Judenvernichtung überhaupt nichts mitbekommen haben wollen. Die große Kunst Wilders bestand nun darin – und hier sollte jeder moderne Komödienregisseur genau hinhören – all diese Trottel und Trampel tatsächlich sympathisch zu gestalten: Wir bangen mit dem erzkapitalistischen Colaverkäufer MacNamara um seine Pfründe, wir trauern mit dem strammen Ostberliner Jungkommunisten Otto um seine sterbende Ideologie, und wir freuen uns sogar ehrlich über die unerschöpfliche Anpassungsfähigkeit der russischen Kommissare, mit der sie auch diese politische Krise überleben werden.

Selbst wenn man weiß, daß der Film auf dem Boulevardstück von Ferenc Molnár beruht, ist Wilders theatrale Herangehensweise erstaunlich. Vor allem die Herausforderungen für die Schauspieler sind bemerkenswert: In endlosen Einstellungen muß James Cagney in Maschinengewehrtempo atemlose Parolen herunterrasseln und dabei trotzdem noch einen Charakter durchscheinen lassen, während der hinreißende Horst Buchholz aus einer offensichtlichen Kommunistenkarikatur einen vielseitigen Charakter basteln muß.

Der Musikeinsatz gelingt Wilder dabei besonders perfide: Niemand wird Lilo Pulvers Säbeltanz mit brennenden Flambé-Spießen jemals vergessen, oder Friedrich Holländers liebevollem Gastauftritt, bei dem er in weiser Voraussicht tief in Ost-Berlin den Schlager »Ausgerechnet Bananen« anstimmt. Und richtig gemein wird Wilder, als er den Jungsozialisten Piffl von der Stasi verhören läßt, die ihm als Foltermethode wieder und wieder eine psychedelische Version des »Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polkadot Bikini« vorspielen – damit bricht man selbst den Willen des strammsten Kommunisten. Zusammen mit dem ähnlich grotesken Dr. Seltsam bestätigt Eins, zwei, drei wieder einmal, daß die filmisch adäquateste Herangehensweise an den Kalten Krieg eben doch die Farce ist. 2008-09-07 20:48
© 2012, Schnitt Online

Sitemap