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Cocktail für eine Leiche

Rope. USA 1948. R: Alfred Hitchcock. B: Arthur Laurents. K: Joseph Valentine, William v. Skall. S: William H. Ziegler. M: Leo F. Forbstein. P: Transatlantic Pictures, Warner Bros. Pictures. D: James Stewart, John Dall, Farley Granger, Cedric Hardwicke, Constance Collier, Douglas Dick, Joan Chandler u.a.
80 Min. UIP ab 25.7.63

Ein Gesellschaftsporträt im Kleinformat

Von Kristina Schilke Auch beim dritten Martini fällt ihnen der Leichengeruch nicht auf. Noch ist er auch nicht da. Bisher ist zu wenig Zeit vergangen. Vielleicht ist die Leiche auch noch ein wenig warm, und die Totenflecken konnten sich nicht auf der Haut einnisten. In einer Truhe liegt sie, die betreffende Leiche. Ja, genau in der Truhe, auf die sie sich manchmal setzen, bei einem Gespräch auf dieser schicken Party.

Alfred Hitchcock hatte sicher einen umwerfenden Sinn für makabren Humor, für modrige Ironie, denn genau das ist die Grundsituation seines Films Cocktail für eine Leiche. Zwei junge Männer aus der New Yorker High Society erwürgen ihren Kommilitonen, verstecken seine Leiche in einer Truhe ihres vornehmen Lofts. In einigen Stunden findet die Party statt, zu der auch der Ermordete geladen war. Die Jungs entschuldigen ihn, sie lügen gut, und sie trinken, reden, stehen dabei, während sich die Gäste amüsieren und ein Toter in einer schweren Truhe liegt, mitten im gepflegten Partygetümmel. Bei dem scheinbar so willkürlichen Mord handelt sich um die Ausführung einer philosophischen Idee, gepaart mit einem ehrgeizigen Versuch. Die Idee: Ein höchst durchschnittlicher, unauffälliger Mensch ohne großen Nutzen könnte ohne Verlust für die Gesellschaft eliminiert werden. Der Versuch: den perfekten Mord verüben.

Höchst modern hört sich die Grundsituation für ein Psychospiel aus dem Jahre 1948 an, und wäre da nicht am Schluß die, zugegebenermaßen berechtigte, Moralpredigt von Hitchcocks Liebling James Stewart, dann wäre das Ganze zusammen mit der Ausführung tatsächlich noch heute höchst modern. Ohne einen einzigen Schnitt zu verwenden soll Hitchcock das alles orchestriert und gleichsam gefilmt haben, doch im Grunde besteht die Streitfrage, ob er tatsächlich so ganz ohne Schnitte auskam. Denn in einigen raffinierten Stellen wird beispielsweise auf ein schwarzes Jackett gezoomt, und wir sehen nur Schwarz, um dann mit der Kamerafahrt fortzufahren. Daß es sich nur um das Schwarz des Jacketts handelt und sich hier nicht vielmehr ein subtiler Schnitt versteckt, ist freilich kaum zu vermuten.

Doch Cocktail für eine Leiche steckt voller weiterer technischer Raffinessen: Welcher Film aus den 1940ern hat schon eine spazierengehende Kamera? Großzügig, mit schleichenden Schritten führt sie uns die Charaktere vor, zeigt uns das Partygeschehen und führt souverän, wie ein Dandy mit »Cosmopolitan« in der Hand, durch die Reihen der Party-Gespräche. Wie eine Schlange zeigt sie uns im langsamen Zickzack die Szenerie und eröffnet dadurch auch gleichzeitig einen Querschnitt durch die Partygäste, der beinahe einem Gesellschaftsporträt, im Kleinformat allerdings, gleichkommt. 2008-05-20 12:04
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