Tränenreiches Halloween
Von Kristina Schilke
Clint Eastwood ist kein Fossil. Clint Eastwood ist ein Evolutionswunder. Als strammer Army-Abgänger fing er an, billige Westernfilmchen zu drehen, bis er in den 1970ern eine Ikone brutaler, echter Männerwestern wurde und kein austauschbarer Darsteller von verweichlichten B-Movies mehr. Die 1970er vergingen, und langsam schmolz in der Hitze staubiger Präriestädte die Lust am Genre des Westerns, und Clint Eastwood wurde Dirty Harry. Statt brutaler Edelwestern drehte er brutale Edelaction um moderne Selbstjustiz in der Großstadt. Möglicherweise war dies aber nicht der richtige Weg, als zeitloses Kontinuum in die Geschichte Hollywoods einzugehen, und Eastwood begann als Regisseur zu arbeiten. Das bemerkenswerte daran: Er wird immer besser.
Erbarmungslos,
Perfect World,
Die Brücken am Fluß, schließlich das grandiose
Million Dollar Baby und das aberwitzige Kriegsepos in zwei Teilen
Flags of our Fathers und
Letters from Iwo Jima: Diese Filmographie weist eine erschreckende Qualitätskurve nach oben auf, wobei schon
Erbarmungslos als von Klischees befreiter Western oscarprämiert war, und
Die Brücken am Fluß einen direkt am Herzen packte. Dazwischen liegt
Perfect World.
Zwei Männer, zwei Verbrecher mit unterschiedlich entwickelten Gewissen, brechen in ein Haus ein, nehmen einen kleinen Jungen gefangen, ein hageres Kind im Grundschulalter. Während der eine Verbrecher die Mutter vergewaltigen will, hält ihn der andere Verbrecher, gespielt von Kevin Costner, davon ab. Irgendwann sind die zwei Schweigenden alleine im Auto unterwegs, das hagere Kind und der moralische Verbrecher, und sein erwachsener Begleiter kauft dem Jungen ein Halloween-Kostüm, als freundlicher Geist fährt er nun quer durch die USA, die Polizei dicht dahinter.
Grob gesagt ist
Perfect World ein Roadmovie, ein uramerikanischer Film nicht nur wegen des Motivs der nie endenden Straße quer durch alle Staaten – ein Weg der allein schon das Ziel darstellt. Vielmehr tritt auch der Outlaw als (Anti-)Held auf, der sich schon seit Pionierszeiten seinen volkstümlichen Ruhm durch die Geschichte der USA schießt. Er ist kein gewissenloser Outlaw, sondern einer mit eigenen Gesetzen, einem Herzen mitten darin und auch einer Vergangenheit, die aufgrund ihrer Härte alles irgendwie erklärt.
Perfect World ist ein Roadmovie mit amerikanischen Mythen, versteckt in jeder Straßenbiegung, und einer unsentimentalen, trotzdem berührenden Grundstimmung. Uneitel und selbstverständlich spielt sich Kevin Costner ruhig durch den Film und beweist dabei indirekt die eine undefinierbare Qualität, an der ein echter Star erst erkennbar wird: Er zieht die Zuschauer an. Wie? Keiner kann das beantworten, während man ihm willig bis zum Ende folgt.
2008-05-16 11:19