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Die Ferien des Monsieur Hulot

Les vacances de Monsieur Hulot. F 1953. R,B,D: Jacques Tati. B: Henri Marquet, Jacques Lagrange. K: Jacques Mercaton, Jean Mousselle. S: Suzanne Baron, Charles Bretoneiche, Jacques Grassi. M: Alain Romans. P: Orain-Cady, Discina. D: Nathalie Pascaud, Louis Perrault, Michèle Rolla, André Dubois, Suzy Willy, Valentine Camax, Lucien Frégis, Raymond Carl u.a.
85 Min. Jugendfilm ab 26.8.55

Schnappschüsse

Von Jakob Stählin Humor funktioniert auf hochkomplexe Art und Weise – obgleich mir während meiner Schulzeit ein Lehrer im Unterricht weismachen wollte, Komik entstünde stets durch Kontrast. Als Beispiel nannte er den bekannten Sketch Loriots, in welchem dieser seiner Angebeteten mit einer Nudel im Gesicht klebend eine Liebeserklärung macht. Witzig, stimmt. Doch ein fettes Kind mit schokoladenverschmiertem Mund vor einer Schokoladenfabrik – gesehen in Loriots Pappa ante Portas – ist auch witzig; reinste Bestätigung. Und bitte: In einem Seminar an der Uni erklärte mir ein Dozent, Humor entwickle sich grundsätzlich aus der Karikierung von Alltäglichem. Doch es wäre eine Schande, der Absurdität eines Helge Schneider zwingenden Realitätsbezug zu attestieren. Über die Pythons braucht man eigentlich kaum zu sprechen; pointenlose Knallköpfe, die zwar mit Überzeichnung arbeiten, jedoch so eigen und doppelt verdreht durchs Zwerchfell rasen, daß jede Verlinkung ihrer Meisterwerke mit Bodenständigkeit eine Frechheit wäre. Nein, nein. Humor ist zwar Geschmackssache, aber er ist in seinen Sternstunden nicht faßbar. Punkt.

Jacques Tati nun war ein Beobachter. Seine Langspielfilme, allen voran Die Ferien des Monsieur Hulot, sind Kompendien aus Zufallspointen – und welches Szenario eignet sich da besser als ein Urlaubsort, an dem die unterschiedlichsten Menschen miteinander zurechtkommen müssen? Der wirre, stets hin- und herwippende Monsieur Hulot ist ein überzogen ausgeprägter Teil der Alltagsabsurdität, die Tati in Kleinstarbeit zutage bringt. Jede Pointe sitzt, wird gezogen und dem Zuschauer um die Ohren gehauen; und dennoch ist es ein stiller Film. Es ist, als wäre man selbst dort, bemerke jedoch keinen einzigen Witz, wäre da nicht Hulot, der einem auf die Schulter tippt und mit dem Finger auf die beiden en passant spazierenden Männer deutet, deren Regenschirme sich unwissentlich ineinander verkeilen und zu Boden fallen. Tati zerlegt die vage Ahnung des Lachers routiniert in Einleitung, Ausführung, Abschuß und der Führung ad absurdum, was dem Zuschauer viel Freiraum zum Schmunzeln gewährt. Großes Slapstickkino.

Die getragene Art des Films mag bei einem modernen Publikum für den ein oder anderen Blick auf die Uhr sorgen, jedoch wird man sich trotz der wenigen, im Alterungsprozeß entstandenen Längen gut unterhalten fühlen. Zu reich ist Tatis Sammlung an klassischen Pointen, die unzählige Male kopiert, eingefügt, abgeändert und imitiert wurden, als daß etwa die immergleiche Musik arg stören könnte – wichtig ist ohnehin nicht der Ton, sondern die laufenden Bilder, die postkartenhaft und elegisch das Spektakel fotographieren. Tatis Kunst besteht darin, Spontaneität zu rekonstruieren und nichtwiederholbare Zufälle zu exerzieren. Man wird mit offenen Augen durch die Straßen gehen und fasziniert feststellen, daß Humor eben nicht planbar ist. Eine bunte Mischung aus Wiedererkennung und Was-wäre-wenn-Szenarien kommt zu einer teils aufblitzenden Absurdität hinzu; und letztlich muß einfach festgehalten werden, daß Tatis Wundertüte derart zum Bersten vollgestopft ist, daß sich selbst heute noch die Slapsticknachfahren und Hampelmänner daran sattessen können. Überraschung inklusive, denn man weiß nie, was man bekommt. Wie sollte man auch: Es ist Realität. Spontan und nicht zu fassen. 2008-05-06 09:38
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