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Der Busenfreund

A 1997. R,B: Ulrich Seidl. K: Heinz Brandner, Jerzy Palacz, Hans Selikovsky, Peter Zeitlinger. S: Walter A. Christen.
78 Min.
Von Oliver Baumgarten Der Wiener Ulrich Seidl darf mit Fug und Recht zu den am meisten polarisierenden deutschsprachigen Dokumentaristen gezählt werden. Kaum einer porträtiert seine Zeitgenossen gnadenloser und offener als er, was ihm einerseits als Verrat an seinen Figuren ausgelegt wird, andererseits aber zu den wohl dichtesten, bewegendsten und tiefgründigsten gesellschaftlichen Zeugnissen führt. Erscheinen die Personen, wie auch im letztjährigen Tierische Liebe, als recht abnorme Sonderlinge, deren Vorlieben sich eher am Rande der Gesellschaft bewegen, sind Seidls Filme aber eben keine »Panoptiken«, sondern immer gerade auch Abbilder gesellschaftlicher Zustände. Auf welch herbe Art Schein und Sein differieren können und wie dicht Lachen und Entsetzen beieinanderliegen, zeigt Der Busenfreund.

Renatus' Welt ist geteilt in eine imaginäre und eine reale Ebene. Im ersten Teil des Films lernen wir seine sexuellen Phantasien kennen, projiziert auf Busen und Senta Berger, die er beide in höchstem Maße verehrt. Die Ausführungen des ehemaligen Mittelschullehrers sind überaus amüsant, und der Zuschauer akzeptiert sein sich steigerndes Produzieren. Im zweiten Teil des Films führt Ulrich Seidl dann plötzlich in Renatus' Realität ein. Renatus wohnt bei seiner alten Mutter inmitten von Stößen nutzlos gesammelter Zeitschriften, die sich in der gesamten Wohnung zu riesigen Türmen stapeln. Jetzt, da wir sehen, wie Renatus seine Mutter mit endlosen Neurosen quält, ihr das ohnehin trostlose Leben durch schlichtes Ignorieren unerträglich macht und sie vor der Öffentlichkeit zu verstecken scheint, greift Seidls Stil wirklich gnadenlos. Bei Betrachten dieser quälenden Bilder erfriert das Lachen im Hals, und die Stimmung gegenüber Renatus schlägt blitzschnell um. Krasser kann eine Person nicht charakterisiert werden, die ihre Phantasie als Realität glaubhaft machen will, sich als Frauenkenner ausgibt und die reale Frau – die kranke, alte Mutter – zu verdrängen sucht. Was Ulrich Seidl in Der Busenfreund unternimmt ist kein Seelenstriptease, sondern eine Sektion ohne Narkose - für den Zuschauer erhellend und widerlich zugleich, für den Sezierten eine Qual.

Bleibt die furchtbar moralische Frage: Darf man das? Darf man ein armes Würstchen konsequent als ein solches zeigen? Ich glaube schon, denn Renatus ist hier beileibe kein Opfer, wie sich auch im Publikumsgespräch der Duisburger Filmwoche zeigte, wo er durchaus selbstbewußt hinter dem Film stand. Ulrich Seidl gewährt einen tiefen Blick hinter das, was sich jemand über Jahre hinweg als Kulisse aufgebaut hat – und jemanden als Opfer zu bezeichnen, der sich, vielleicht aus Geltungssucht, freiwillig dieser Blicke aussetzt, trifft wohl kaum den Punkt. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #09.

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