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Getaway

USA 1972. R: Sam Peckinpah. B: Walter Hill. K: Lucien Ballard. S: Robert Wolfe. M: Quincy Jones. P: National General Pictures, First Artists, Solar Productions, Foster-Brower Productions. D: Steve McQueen, Ali MacGraw, Ben Johnson, Sally Struthers, Al Lettieri, Slim Pickens, Richard Bright, Jack Dodson, Dub Taylor, Bo Hopkins, Roy Jenson u.a.
118 Min. Tobis ab 4.5.73

Sinfonie der Lakonie

Von Martin Thomson Für den ohnehin in den irrealen Gefilden des Kinos aufgewachsenen Kinobegeisterten gibt es bei Konfrontation mit der schonungslosen Realität oftmals kein besseres Rezept als die eigene Lebenshaltung dem Figurentypus des Lakonikers anzupassen, der in den 1930er Jahren mit Humphrey Bogart seine erste charakterliche Ausgestaltung fand; ein vom Leben enttäuschter Einzelgänger, der die Charade nach Erfüllung persönlichen Glücks aufgegeben hat, der sich an sein Ohrläppchen faßt, wenn er sich zwischen emotionaler Anteilnahme und rationalem Verstand für die kühlere Variante und damit nicht selten gegen Wiederaufnahme potentieller Liebschaften (Casablanca) oder gegen die Abweichung von seinen moralischen Wertvorstellungen (Die Spur des Falken) entscheidet.

Für einen, der sich aus Enttäuschung heraus für die Bewahrung seiner Werte und damit meist auch gegen das waghalsige Geschäft mit dem Glück entscheidet, dem bietet jener Figurentypus zumindest die Möglichkeit, sich in der Lösung von naiv-romantischen Lebensvorstellungen eine Integrität zu erarbeiten, die einen ähnlich aufrechten Gestus zur Folge hat, wie ihn Humphrey Bogart und im vorliegenden Fall auch Steve McQueen vorzuweisen wissen. Nicht umsonst läßt sich deren Konterfei oftmals an Zimmerwänden vornehmlich junger Cineasten wiederfinden; denn derlei Figuren tragen ihre offensichtliche Enttäuschung, den Bruch, den sie mit ihren einstigen Vorstellungen erleiden mußten, mit Ehrlichkeit und Würde.

The Getaway leitet mit der Bebilderung des von Reglement und Maschinisierung bestimmten Gefängnisalltags seine Hauptfigur Doc McCoy ein; dem ist zwischen wummernden Industriegeräten und schmerzhaften Erinnerungen an seine Ehefrau Carol jede emotionale Regung aus dem Gesicht gewichen. Sein brüchiges Innenleben wird erst offenbar, als er auf aggressive Weise eine selbstgebastelte Brücke zertrümmert, während die kleinen Einzelteile zwischen seinen Fingern wie die zahllosen Tage hinter Gittern anmuten, die kein Ganzes, schon gar nicht so etwas wie eine Brücke, also einen Übergang zu einer neuen Existenz schaffen könnten.

Jene Sequenz weist auffällige Parallelen zum Beginn von The Wild Bunch auf, in der eine Gruppe Kinder beiläufig Massenmord an einem Insektenstock begeht; hier wie da läßt sich eine Dekonstruktion im Detail ausmachen, die exemplarisch ist für das Kino von Sam Peckinpah, der die Brüche seiner Figuren und damit die Brüche des Systems, in dem sich jene befinden, aus einem irrationalen Zusammenhang heraus begreift: Gewalt ist das System, in dem sich seine Figuren befinden, Gewalt ist aber auch das Mittel, mit dem sie sich, zumindest scheinbar, aus ihm zu befreien trachten.

Nun ist der Lakoniker Doc McCoy, wie so viele Figuren, die McQueen in seinem Œuvre verkörperte, so etwas wie Ergebnis und Gegenspieler des soeben geschilderten Systems; er hat deren Regeln erlernt, seine Normen begriffen, ist aber als Einzelgänger aus ihm hervorgegangen. Der Lakoniker ist im tödlichen Kompetenzgerangel um erbeuteten Reichtum die moralisch unfragwürdigste Figur in The Getaway. Zu kühl, um sich etwas vorzumachen, aber auch zu unzynisch, um das System, wie sein Gegenspieler Jack Benyon, zum politischen Kalkül umzunutzen oder aus ihm, wie Rudy Butler, als animalisches Ungetüm seiner Neigung nach sexueller Unterdrückung nachzukommen.

Carol McCoy wiederum scheint diesem System ebenso abgeneigt wie sie es zum Vorteil ihres Gatten zu nutzen weiß, um ihn aus der Haft zu befreien. Indem sie mit Jack Benyon schläft, kommt Doc frei. Gerade jener Betrug ist es jedoch, der ihre Ehe auf eine harte Probe stellt, über deren Bestehen und Nichtbestehen, in viel weiterem Sinne die grundsätzliche Frage aufgeworfen wird, welche Erniedrigung ein System zwangsläufig mitsichbringt, das Liebe und Freiheit erst durch jene bedingt sieht. Wenn es so etwas wie Liebe in den Filmen von Sam Peckinpah gibt, dann eigentlich nur aus dem Kampf um sie heraus.

So wie Doc und Carol aus Zweifel und gegenseitiger Schuldzuweisung heraus aus einem Müllwagen auf eine Halde geworfen werden, so läßt sich auch Peckinpahs vielleicht einziger Liebesfilm in einem Gros an Filmen deuten, die eher Männerfreundschaften zum Thema hatten, nämlich, daß ein Lakoniker sein muß, wer sich ein System, das zerstörerische Konsequenzen aus unüberlegten Versuchungen nachsichziehen kann, nutzbar machen will, um es weit genug vonsichweisen zu können.

Gerade jene Feststellung verlangt zwangsläufig nach Schmerz, und wer kann den wohl besser darstellen als Peckinpah, dessen Figuren sich, im letzten und einzigen Wunsch leben zu wollen, in ihrem eigenen Tod winden? 2008-04-16 13:16
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