— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Das zweite Mal

La Seconda Volta. I 1996. R,B: Mimmo Calopresti. B: Heidrun Schleef, Francesco Bruni. K: Alexander Pesci. S: Claudio Como. M: Francesco Piersanti. P: Sacher/Banfilm/La Sept. D: Nanni Moretti, Valeria Bruni Tedeschi, Valeria Milillo.
76 Min.

Die Stille nach dem Schuß

Von Thomas Warnecke Ein Vierteljahrhundert ist seine Hochphase ungefähr her, jetzt erlebt der Terrorismus im Kino seine Renaissance: nach Heinrich Breloers Fernsehzweiteiler Das Todesspiel kam Schlöndorff mit Die Stille nach dem Schuß, und zuletzt gelang Christian Petzold mit Die innere Sicherheit die phänomenale Schilderung der Jahre nach der »bleiernen Zeit«. Versuchten sich Breloer und auch Schlöndorff um eine Rekonstruktion dessen, was damals geschah, so lenkt Petzold konsequent seinen Blick auf das danach, und das verbindet ihn mit Mimmo Caloprestis Das zweite Mal, der 1996 in die italienischen Kinos kam.

Im italienischen Kino gibt es eine ungleich größere Verbindung mit der Welle des Terrorismus, die das Land bis in die 80er Jahre hinein in eine tiefe Krise zog. P2, die Roten Brigaden waren, wenn auch oft nur als Folie im Hintergrund, in den politischen Melodramen virulent, wie sie durch Constantin Costa-Gavras und Francesco Rosi ab den 60er Jahren entwickelten und durch Regisseure wie Elio Petri oder Marco Bellocchio fortgesetzt wurden.

Das zweite Mal macht sich die Aufarbeitung einer kleinen, fiktiven Episode aus den 80ern zur Aufgabe, und wie Christian Petzold verzichtet er auf erklärende Rückblenden, richtet den Blick konsequent auf die Privatsphäre der Personen, die mit ihrer Vergangenheit leben müssen.

Alberto ist Wirtschaftsprofessor in Turin. Eines Tages sieht er aus dem Bus jene Frau, die 12 Jahre zuvor versucht hatte, ihn umzubringen. Lisa ist im »offenen Vollzug«, und anfangs scheint es gerade das zu sein, was den Professor in seiner Opferrolle kränkt und sein Gerechtigkeitsempfinden verletzt. Er provoziert Begegnungen mit ihr, will sie zur Rechtfertigung zwingen. Gleichzeitig taucht er in die Sprache jener Parolen ein, als deren Opfer er sich sieht: »Du mußt Einen töten, um Hundert zu treffen.« Es beginnt eine langsame und mühsame Annäherung, immer zurückhaltend, mit einem gewissen Abstand gefilmt. Einsam sind die Figuren vor Alexander Pescis Kamera, wie losgelöst vom Hintergrund des winterlichen, oft nächtlichen und regnerischen Turin.

Es gehört zu den feinen Ironien von Mimmo Caloprestis Film, daß er, schon durch die Platzierung der Handlung 12 Jahre nach dem Vorfall, das Täter-Opfer-Verhältnis nicht nur fortwährend in Frage stellt, sondern schlichtweg umdreht: Der Professor ist es, der die Terroristin verfolgt und in Bedrängnis bringt. Die Art und Weise, wie Nanni Moretti mit der Sicherheit dessen, der auf der richtigen Seite zu stehen glaubt, Valeria Bruni Tedeschi ausfragt und auch angreift, hat etwas sadistisches; Bruni Tedeschi ist die verletzte, vor allem aber verunsicherte in diesem zweiten Duell, 12 Jahre danach. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap