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Youthquake '65 – The London Pop Explosion

D 2005. R,B: Christoph Dreher. K: Timo Schwarz. S: Christian Striboll. P: Intervista Digital Media.
60 Min.

Ursprung eines Sounds

Von Patrick Hilpisch In Youthquake '65 – The London Pop Explosion beleuchtet der in popkulturellen Belangen versierte Dokumentarfilmer Christoph Dreher (u. a. Lost in Music, Fantastic Voyages) die gesellschaftlichen und kulturellen Grundlagen bzw. Nachwirkungen der revolutionären Entwicklungen in der britischen Musiklandschaft Mitte der Sechziger Jahre. 1965 stellt für den Filmemacher in dieser Hinsicht eine Art »Achsenjahr« dar, denn mit Textzeilen wie »I hope I die before I get old« oder »I can't get no satisfaction« formulieren Pete Townshend und Mick Jagger das bislang öffentlich noch unartikulierte Lebensgefühl einer sich ins allgemeine Bewußtsein drängenden und immens an soziokultureller Relevanz gewinnenden Bevölkerungsschicht: der Teenager.

Von der aufkommenden Prosperität der Mittsechziger beflügelt und mit entsprechender Kaufkraft ausgestattet, rebelliert die erste Nachkriegsgeneration gegen die reaktionäre und farblose Werteordnung der Elterngeneration, indem sie mit den vorherrschenden Konventionen auf radikale Weise bricht und nach neuen, dem Zeitgeist entsprechenden Ausdrucksformen sucht. Ein hinreichendes Reservoir an Codes und Zeichen zur Abgrenzung und Identitätsbildung bietet da vor allem die zeitgenössische Musikszene. Pop wurde zum Synonym von Jugendlichkeit und Jugendlichkeit zum Verkaufsschlager. Plötzlich rücken Bands wie The Kinks, The Yardbirds, The Rolling Stone oder The Who mit eigenen Kompositionen (zuvor wurden Version amerikanischer Standards oder von eigens engagierten Songwritern komponierte Stücke gespielt), explizit jugendthematischen Texten und einer bislang nie gehörten musikalischen Aggressivität ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Mit ihren brachialen Sounds, ihrer ungestümen Energie und vor allem ihrer rebellischen Attitüde bieten sie ungemeines Identifikationspotential für die Schar nach Unabhängigkeit, Aussagekraft und Spaß strebender Jugendlicher. Im Pop anno 1965 vereinen sich Rebellion und sexuelle Befreiung, Spaß und Konsum, philosophische Sinnsuche und großmäulige Sinnfreiheit. Youthquake '65 verdeutlicht jedoch anschaulich, daß diese Entwicklung nahezu alle Kulturbereiche erfaßt. So stehen etwa die Filme Richard Lesters oder die Malerei David Hockneys ebenso für dieses jugendliche Lebensgefühl wie die Fotografie eines David Bailey oder die Mode und Frisuren eines Vidal Sassoon.

Dreher verknüpft in seinem Dokumentarfilm Originalaufnahmen, Interviewsequenzen und Zeitzeugenberichte zu einem durchweg informativen und unterhaltsamen Gewebe. Er deckt die Mechanismen des Vermarktungsapparats auf, die ausgestellte Hybris der »coolen« Managertypen und die manchmal unbedarften Interviewkommentare der Popikonen. Er beschreibt den Ursprung eines Sounds und einer Lebenshaltung, die mit einer unvergleichlichen Energie auf die internationale Musikszene ausgestrahlt und in den letzten 40 Jahren die mannigfaltigsten Ausprägungen angenommen haben. Die nicht nur die Plattenbosse, Manager und Musiker, sondern auch und vor allem das Leben unzähliger Popbegeisterter (und zwar nicht nur das der jugendlichen Anhängerschaft) bereichert haben. 1970-01-01 01:00
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